Es gibt Dinge, die wir Schachreporter nicht wissen, und solche, die wir nicht fragen. Hat der Herausforderer Wesselin Topalow im Sofioter Grand Hotel eine Suite nach vorne hinaus? Keine Ahnung, und es wird auch nicht verraten. Aber sollte er ein Schlafzimmer mit Blick auf den Park und den Brunnen und auf den großen Platz davor haben, dann hat er am Samstag nicht lange schlafen können, denn unten versammelten sich Chöre zum Singen. Das Geheimnis der bulgarischen Stimmen – hier konnte man es ergründen.

Das Folklores Ansamblis Vecvarkava zum Beispiel: alte Frauen unter Spitzenhäubchen, in wollene Stolas gegen die Hitze gehüllt, junge Mädchen mit Zöpfen oder Blumenkränzen im Haar. Dazu ein Akkordeon und ein Schellenbaum – wirklich der Ast eines Baumes mit Schellen daran! Und dann ging’s aber los. Schräg, um nicht zu sagen schrill. Und laut!

Hat Topalov sich die Finger in die Gehörgänge geschoben, wie er es am Brett gelegentlich tut? Oder hat er das Fenster geöffnet, um sich zu stimulieren mit den Klängen der Heimat, sich aufzuladen mit all dieser vokalen Energie damit es seinem Widerpart, dem Weltmeister Anand, endlich einmal die Sprache verschlägt? Wir Schachreporter wissen es nicht. Wir lungern nicht in den Lobbys oder in den Büschen, um den Idolen nahezukommen. Wir warten, dass sie sich ans Brett setzen und ziehen.

Obwohl – wie die Helden am Sofioter Militärklub vorgefahren werden, das wäre schon was für Paparazzi. Sie kommen immer viertel vor drei in zwei identischen Mercedes-Limousinen, die sich nur im Nummernschild geringfügig unterscheiden. CA 4857 HH lautet das Kennzeichen des einen, CA 4858 HH das des anderen. Vielleicht wird beim Holen und Bringen täglich gewechselt, damit beide auch ja gleich behandelt werden. Bedrohliches rotes Licht flackert vorne aus den Schlitzen der Motorhaube, die Fenster sind geschwärzt, natürlich gibt es eine Polizeieskorte, macht schon was her.

Anand wohnt im Hilton, das ist etwas weiter weg. Topalow könnte vom Grand Hotel auch zu Fuß gehen, wäre wahrscheinlich schneller als mit dem Auto. An den Folkore-Ensembles vorbei und an den Schachspielern im Park. Ihn wird niemand fragen, um zwei Leva zu spielen: Man kennt ihn hier.

Eine Frage, die alle Schachreporter im Kopf haben, die sie in ihren Artikeln auch stellen, aber bisher noch auf keiner Pressekonferenz, ist die nach den Eröffnungen Topalows. Beharrlich hält er an seinem Programm  fest, auch mit Schwarz, mit jener Farbe, mit der er bisher stets in Bedrängnis geriet. In der sechsten Partie , am Samstag, zum Ende der ersten Hälfte des Turniers, so lautete doch schon eine Erwartung, da würde er sich gegen Anand nicht wieder auf Katalanisch einlassen, jene seltsame Variante des Damengambits, in der Weiß vorübergehend einen Bauern gibt für einen fiesen kleinen Druck.