ZEIT ONLINE: Herr Tuchel, hat der FSV Mainz 05 eine Identität und was muss ein Trainer dabei berücksichtigen?

Tuchel: Zum ersten ist es unsere Spielweise: dynamisch und vorwärts verteidigend. Zum zweiten pflegen wir einen bestimmten Umgang mit Spielern und achten auf eine harmonische Atmosphäre. Zum dritten hat der Club den Mut, bei der Trainerwahl nicht nur auf prominente Namen zu schauen. Sonst wäre ich jetzt nicht hier.

ZEIT ONLINE: Unter Mainzer Fans gab es Unmut, dass Sie verdiente Spieler aussortiert haben. Etwa den Aufstiegshelden Daniel Gunkel oder den Publikumsliebling Milorad Pekovic, der von den Mainzer Fans sogar für Gelbe Karten bejubelt wurde. Ist das der schwierigste Teil des Jobs, Leuten beizubringen, dass sie nicht mehr gebraucht werden?

Tuchel: Keine Frage, das ist eine schwere Entscheidung für uns. Was die Öffentlichkeit jedoch nicht weiß: Peko hatte uns mehrfach um seine Freigabe gebeten, weil er zu wenig Einsatzzeit bekam. Wenn die Fans sauer waren oder noch sind, dass Peko gegangen ist, kann ich das gut verstehen. Er war eine Mainzer Identitätsfigur, doch gerade weil er Verdienste hat, sind wir seiner Bitte nachgekommen. Ab und an lässt er sich noch hier blicken, dann ist er schwer aus der Kabine rauszukriegen.

ZEIT ONLINE: Sprechen Sie regelmäßig mit der Mainzer Jugend, etwa den Nationalspielern Christoph Santer, Benedikt Saller und Shawn Parker?

Tuchel: Klar, ich kenne Sie alle, ich war ja hier Jugendtrainer. Es gehört zur Aufgabe eines Bundesligatrainers, die Entwicklung des eigenen Nachwuchsleistungszentrums zu beobachten.

Wir Trainer müssen Werte vorleben

ZEIT ONLINE: Auf dem Trainingsgelände begegnen sich Jugendspieler und Profis. Wie wird das Miteinander in Mainz geregelt?

Tuchel: Für Jugendspieler gibt es einen Leitfaden: Wie verhalte ich mich gegenüber Gegnern, Eltern, Mitspielern, Schiedsrichtern, Trainern und den Profis? Respekt, Wertschätzung, Pünktlichkeit – das fordern wir. Pflicht ist die Begrüßung mit Handschlag und Augenkontakt. Wir müssen die Werte vorleben, dann wird es zur Selbstverständlichkeit.

ZEIT ONLINE: Haben Sie diese Fibel mitverfasst?

Tuchel: Ja, ich war an der Verschriftlichung beteiligt. Vermutlich haben die Kollegen es inzwischen aktualisiert.

ZEIT ONLINE: Gehört es zum respektvollen Verhalten dazu, nicht den Geburtstag der Spieler zu vergessen?

Tuchel: Das sollte einem Chef nicht passieren. Aber ich gestehe: Ich habe Helfer, die mich rechtzeitig an wichtige Termine erinnern.