Leider ist keiner im WM-Aufgebot der Südafrikaner. Zumindest Sandile hätte es schaffen können, er war mein bester Spieler. Das Ballgefühl, die Schusstechnik und seine Grundschnelligkeit prädestinierten ihn für höhere Aufgaben. Der 13-Jährige war der Kapitän der Radium Stars. So hieß die Jugendmannschaft, die ich vor 13 Jahren in Johannesburg trainierte. Sandile und seine Teamgefährten redeten schon damals davon, dass Bafana Bafana, die "Jungs" aus Südafrika, irgendwann den Weltcup ans Kap holen werden. " Wait and see ", sagte ich damals. Auf gut Beckenbauerisch: Schaumermal.

Als ich unlängst in Johannesburg am Paterson Park vorbeifuhr, kehrte die Erinnerung an die Radium Stars zurück und wie seinerzeit alles anfing. Sandile klopfte eines Tages an das Fenster des ZEIT-Büros und sagte: "We need a coach – wir brauchen einen Trainer." Er gehörte zu den Buben, die jeden Tag im Park nebenan kickten, aber keinen ordentlichen Ball hatten. Ein mhlungu , ein weißer Mann, hat Geld, er kann bestimmt weiterhelfen, dachten die Jungs. Und es störte sie auch nicht, dass ihr künftiger Trainer aus dem Rumpelfüsslerland von Berti Vogts kam.

Ich besorgte einen Lederball und ein Luftpumpe, und wir begannen professionell zu trainieren. Die Jungs kamen alle aus den schwarzen Townships, und alle hofften, irgendwann aus der Armut herauszudribbeln.

Der Grill will doch nur eine schwarze Perle entdecken und an Bayern München verkaufen, frozzelten die Kollegen. Sie lagen falsch. Selbstverständlich hätte ich ein solches Juwel nicht dem FC Hollywood anempfohlen, sondern meiner Borussia aus Dortmund!

Aber den Radium Stars mangelte es zunächst an Ausrüstung aller Art. Der Zufall wollte es, dass sich just zur rechten Zeit alte Spezis von meinem oberbayerischen Heimatverein TSV 1970 Soyen meldeten. "Wir könnten vielleicht ein bissl Entwicklungshilfe leisten", sagte der Schatzmeister – und spendete einen kompletten Satz grün-weißer Trikots, Hosen und Stutzen sowie neonfarbene Trainingsleibchen. "Das Zeug liegt bei uns eh nur rum und vergammelt."

In Deutschland gibt es Tausende von Dorfvereinen wie Soyen, die im Vergleich zu afrikanischen Clubs wohlhabend sind. Die Zeugwarte verwalten den Überfluss, sie wissen oft nicht, was sie mit gebrauchten Sportkleidern anfangen sollen, niemand will sie mehr tragen. Unbürokratische Sporthilfe von Deutschland nach Südafrika – das Beispiel von Soyen sollte eigentlich Schule machen.

Die Radium Stars waren überglücklich, als sie die geschenkten Trikots zum ersten Mal überstreiften. Jetzt stand einer Weltkarriere nichts mehr im Weg.

Doch wir sollten an den Fußball-Bürokraten scheitern, die uns keine Lizenz erteilten. Außerdem fehlten die Transportmittel für Auswärtsspiele. Am Ende wurde uns auch noch der Trainingsplatz im Paterson Park gekündigt, und die Radium Stars zerstreuten sich in alle Winde.

Ich fragte neulich im Viertel herum, doch niemand wusste, was aus meinen Jungstars geworden ist. Dem Fußball sind sie ganz bestimmt treu geblieben. Und vielleicht erinnert sich beim Weltcup der eine oder andere an die Radium Stars. Und an den großen Traum, eines Tages die grün-weißen Trikots gegen die knallgelben von Bafana Bafana auszutauschen.