ZEIT ONLINE:  Herr Wachter, mit der Fußball-WM in Südafrika verbinden nicht nur die Menschen im Gastgeberland, sondern auf dem ganzen afrikanischen Kontinent große Hoffnungen. Sind die Erwartungen nicht ein bisschen hoch gegriffen?

Kurt Wachter: Was die unmittelbaren ökonomischen Effekte angeht, sind sie überzogen. Auf der ideellen Ebene jedoch kann die WM tatsächlich dafür sorgen, dass der gesamte Kontinent neu wahrgenommen wird, sozusagen ein "Rebranding" stattfindet. Die Dichte der Themen aus Südafrika, aber auch aus anderen Ländern der Subsahara im Zuge der WM kann sich sehen lassen, auch wenn manche Vorurteile reproduziert werden.

ZEIT ONLINE: Welche zum Beispiel?

Wachter: Die ganzen Storys über Voodoo im afrikanischen Fußball oder die generalisierte Sichtweise des Sicherheitsthemas. Auch über die Werbung werden Stereotypen transportiert. Da brüllt im TV-Spot Samuel Eto'o unter der Dusche wie ein Raubtier. Italiens Torwart Gianluigi Buffon fährt hingegen standesgemäß im Cabrio umher. Die Animalisierung afrikanischer Spieler ist ja beliebt.

ZEIT ONLINE: Wenn die Trainerlegende Otto Pfister sagt, afrikanische Spieler hätten einfach Fußball im Blut und würden sich geschmeidiger bewegen ...

Wachter: ... dann tut mir das weh. Aber das ist kein Einzelfall. Ich hielt mit Kollegen vom Institut ein Medientraining für ORF-Journalisten ab, um sie für bestimmte Dinge zu sensibilisieren. Wir sind auf offene Ohren gestoßen. Als es aber um bestimmte physische Zuschreibungen für afrikanische Spieler ging – dass sie beispielsweise kräftiger und schneller sind, was sich empirisch nicht belegen lässt –, stießen wir auf Gegenwehr. Keine Chance, wurde uns gesagt, das werden wir weiter so bringen.

ZEIT ONLINE: Noch bei der WM 1990 durfte Fernsehkommentator Marcel Reif den Kamerunern ungeniert zurufen: "Nur Mut, meine schwarzen Freunde!"

Wachter: Das kann ich mir heute nicht mehr vorstellen. Herr Reif ist ja bestimmt ein netter Mensch. Diese Worte waren der Ausdruck eines Paternalismus, basierend auf einer Sympathie für einen vermeintlich Schwächeren. Angesichts der starken internationalen Performance des afrikanischen Fußballs begann diese bevormundende Haltung schon damals abzuflauen.

ZEIT ONLINE: Tatsache ist, dass der Fußball in Afrika eine immens wichtige Rolle spielt. Gibt es eine vorurteilsfreie Erklärung dafür?

Wachter: Ursprünglich war es ein koloniales Spiel. Die Briten, Franzosen und Belgier brachten den Fußball nach Afrika und versuchten, ihn als Disziplinierungswerkzeug einzusetzen und koloniale Werte wie Unterordnung und Gehorsam zu vermitteln. Im Zuge der Dekolonialisierung kam es zu einer Aneignung des Fußballs. Die neuen Eliten nutzten das Spiel für die Nationenbildung. Fußball war quasi ein Werkzeug, um die fragmentierten Nationalstaaten zu einen. Eine Art ideologisches Bindeglied. Fußball ist einer der wenigen Bereiche, in denen der afrikaübergreifende Gedanke wirklich existent ist. Fußball verbindet hier die Menschen miteinander wie nirgendwo anders auf dieser Welt. Bereits 1957 ist in Afrika die erste kontinentale Meisterschaft ausgetragen worden. Die Europäer haben länger dafür gebraucht.

ZEIT ONLINE: Im modernen Weltfußball sind neokoloniale Strukturen unübersehbar. Die größten afrikanischen Talente wechseln so früh wie möglich zu europäischen Clubs.