Spielanalyse

Die deutsche Angriffstaktik: Tempowechsel mit langen Ballbesitzzeiten und schnellen Pässen in die Spitze. Die beiden Außen Lukas Podolski und Thomas Müller halten ihre Flügelpositionen. Stattdessen greift das Zentrum, aus vier Spielern bestehend, sehr flexibel an: Die defensiven Mittelfeldspieler, Bastian Schweinsteiger, vor allem aber Sami Khedira, suchen immer wieder den Weg in den Strafraum. Die einzige Spitze Miroslav Klose lässt sich oft ins Mittelfeld fallen. Der offensive Mittelfeldspieler Mesut Özil weicht oft über rechts aus.

Australien ist technisch und vor allem taktisch zu schwach. Die Abwehr hat Probleme, sich auf die Rotation der Deutschen einzustellen. Die genauen deutschen Pässe in die Spitze kann sie kaum verhindern. Überzahl stellen die Australier nur auf den Flügeln her, doch da sind Philipp Lahm, Müller und Podolski zu ballsicher. Im Zentrum des Mittelfelds sind sie dagegen oft in Unterzahl und ermöglichen dem Gegner leichte, aber gefährliche Pässe und Dribblings.

Die Rote Karte gegen Tim Cahill ist für meine Begriffe sehr hart, zumal er sein Foul nicht "durchzieht". Doch kaum vorzustellen, dass das Spiel in Gleichzahl anders verlaufen wäre.

Einzelkritik

Manuel Neuer hat keine Gelegenheit, seine Qualität zu zeigen, von einer starken Faustabwehr zu Beginn des Spiels abgesehen. In der zweiten Halbzeit macht er ein Mal "den Kahn" und bleibt bei einem Eckball auf der Linie.

Philipp Lahm rückt bei australischen Angriffen oft sehr weit nach innen. Da Lahm aber eigentlich keine Fehler macht, ist das wohl Absicht gewesen. Gutes Verständnis mit seinem Vordermann Müller, tolle Flanke zum 2:0. Ich würde ihn gerne öfter in der Offensive sehen.

Per Mertesacker hat beim Verteidigen leichtes Spiel. Im Spielaufbau scheint er dagegen die Augen verbunden zu haben. Er ist ein guter zweiter Innenverteidiger, braucht aber einen Chef an seiner Seite.

Das könnte bei diesem Turnier Arne Friedrich werden, der beste Verteidiger gestern. Er bewegt sich gut im Raum, verstellt Passwege und ist nicht zu schade, sein Territorium zu verlassen, um die Fehler der anderen zu beheben. Vor allem nach links. Der Innenverteidiger ist der E-Bass in einer Band: selten im Mittelpunkt, aber spielt er falsch, bricht alles zusammen. Arne Friedrich, vielleicht ein künftiger Zweitligaspieler, deutet gestern an, ein ganz wichtiger Baustein in Löws Team zu werden.

Holger Badstuber mit einigen Stellungs- und Lauffehlern, ist dadurch auf Pässe in seinen Rücken nicht vorbereitet. Die linke Seite ist die Schwachstelle im deutschen Team. Tipp an ihn: den Ball führenden Gegner besser beobachten. Schöne Beteiligung aber bei der Kombination zum 4:0.

Bastian Schweinsteiger wurde mir in den vergangenen Tagen zu oft besungen. Bin noch skeptisch, ob er auf seiner neuen Position den ganz großen Sprung macht. Lasse mich aber gerne überzeugen. Gestern im Verteidigen noch nicht so gefragt, das wird sich aber ändern. Er, der technisch hoch veranlagte Spieler muss zeigen, ob er auch hart spielen kann. Ihm fehlt für die 6er-Position vielleicht die nötige Nüchternheit, er ist noch zu sehr Euphoriespieler.

Sami Khedira : sehr ballsicher. Habe vor dem Turnier wetten wollen, dass er mindestens zwei Tore im Turnier schießt (aber keinen Gegner gefunden). Taucht immer wieder gefährlich vor dem Tor auf. In einer Szene in der zweiten Halbzeit schaltet er zu früh ab, hat nicht mit der Selbstlosigkeit Miroslav Kloses gerechnet, der den Ball auf ihn querlegt. Was ich mit ihm trainieren würde: im Strafraum sich besser vom Gegenspieler lösen.

Lukas Podolski : erste Chance, erstes Tor. Sehr wichtiges Tor für das Team. Fest schießen kann er. Vielleicht platziert er ja beim nächsten Mal besser. Schlägt messerscharfe Pässe von der linken Seite, läuft sich viel besser frei als zuletzt. Und verteidigt ordentlich.

Thomas Müller : Statt Beinen hat er Zahnstocher, aber die machen alles gut. Gestern Deutschlands Bester. Schickt vor dem 1:0 sechs (vielleicht waren es auch nur vier) Australier in die falsche Richtung und serviert Podolski den Ball perfekt. Präzisionsarbeit beim 3:0, zumal er sich zunächst den Ball nicht perfekt vorlegt, weil er zu früh losläuft.

Mesut Özil : Seine beste Qualität: kann sich auch unter Gegner- und Zeitdruck aus fast jeder Situation mit dem Ball zum Tor drehen und das Tempo verschärfen. Ansatzloser Pass der gehobenen Klasse auf Müller vor dem 1:0. Kein Glück beim Abschluss, und in der zweiten Halbzeit verliert er etwas die Bindung. Er wird seine Tore bei dieser WM sicher noch schießen.

Miroslav Klose : Sehr mutig beim Kopfball zum 2:0, da steht er seinen Mann. Wenn er da mit dem Torwart Schwarzer zusammenkracht, kann er sich verletzen. Sehr variabel im Spiel ohne Ball, bietet sich an vielen Stellen des Spielfelds an, manchmal weit zurückhängend. Vergibt Chancen, aber immerhin: Er hat welche. Den Salto hebt er sich für die wichtigen Tore auf. Ein Traumpass auf Özil in der ersten Halbzeit.

Die Eingewechselten: Cacau steht kaum auf dem Platz, da macht er schon sein Tor. Er wird Löw ein sehr guter Joker sein. Das gilt auch für Marko Marin , dem in seinen zehn Minuten allerdings nichts mehr gelingt. Ob das auch für Mario Gomez gilt, bezweifle ich. Es ist nicht sein Spiel.

Der Trainer

Der Sieger des Spiels ist Joachim Löw. Vor der WM stark in der Kritik, hat er die richtigen Entscheidungen getroffen und an den von vielen verschmähten Klose, Podolski, Friedrich und Cacau festgehalten. Er muss die Mannschaft sehr gut trainiert haben, vor allem Podolski spielt auf einem deutlich höheren Niveau.

Seine Taktik geht voll auf. Es war zu sehen: Dieser Mann hat einen Plan. Und bestimmt nicht nur einen. Von Löw dürfte eine Menge Druck abgefallen sein. Beste Voraussetzung, um mutige Entscheidungen zu treffen. Mindestens ein Mal im Turnier wird uns Löw mit einer Aufstellung, einem Wechsel oder einer Taktik total überraschen.

Fazit

Deutschland mit einem aufregenden Einstieg ins Turnier. Wir sehen eine Mannschaft voller Spielfreude. Das junge Team könnte bei dieser WM eine große Rolle spielen, doch die Australier sind kein Maßstab, um höchste Ambitionen zu testen. Vermutlich werden sie in der Vorrunde ausscheiden.