Einige hundert Leute waren gekommen. Sie saßen aufgereiht und fein herausgeputzt, in Anzug und teils auch in Krawatte. Abgeordnete des Deutschen Olympische Sportbund (DOSB) waren für diesen Festakt in die besonders schön hergerichtete Mehrzweckhalle der Pädagogischen Hochschule Heidelberg gekommen. Der deutsche Leichtathletik-Verband und die deutsche Sportjugend sowieso. Gerhard Treutlein bekam feierlich das Bundesverdienstkreuz verliehen für seine Arbeit in der Doping-Prävention – und alle applaudierten.

Seit Jahrzehnten engagiert Treutlein sich gegen Doping. Wenn er etwas zum Thema sagt, hat das Gewicht. Nun protestiert der Heidelberger Professor gegen das 500.000 Euro teure Projekt zur deutschen Dopinggeschichte, im vergangenen Herbst gestartet von Innenministerium BMI und Deutschen Olympischen Sportbund DOSB. Aus dem wissenschaftlichen Beirat des Projektes ist er zurückgetreten. Seinen Abschied begründete Treutlein im Frühjahr in einem Brief an knapp 30 Empfänger.

Treutleins verärgerter Rückzug, auf den er wochenlang keine Antwort erhielt, wirft einen erneuten Schatten auf das Doping-Prestigeprojekt des deutschen Sports, mit dem sperrigen Titel: "Doping in Deutschland von 1950 bis heute aus historisch-soziologischer Sicht im Kontext ethischer Legitimation". Es soll Strukturen des Dopings erklären und in die Sichtweise der jeweiligen Zeit einordnen. Doch von Anfang an stand es in der Kritik.

Einige Dopingkenner kritisierten allerdings schon die Ausschreibung. Sie sei zu unspezifisch, die halbe Million Euro und der Zeitraum zu gering für solch eine Herkules-Aufgabe. Und die Auftraggeber BMI und DOSB seien zudem selbst einschlägig belastet. Hinzu kamen Diskussionen um die Projektvergabe an zwei Forschergruppen aus Berlin und Münster. Sie waren die beiden einzigen Bewerber. Es wirkte, als hätten die Auftraggeber BMI und DOSB ihre Studie trotz wissenschaftlicher Fragezeichen unbedingt durchdrücken wollen.

Politisch aufgeladen ist das Projekt in jedem Fall. Vor einem Jahr diskutierte der deutsche Sport über die Weiterbeschäftigung von DDR-Dopingtrainern. Die öffentliche Diskussion zwang Verbände und Ministerium zum Handeln, und so schoben diese das neue Forschungsvorhaben vor. Der DOSB verkündete im Rahmen des Projektes eine offizielle Entschuldigung der Täter – dabei war das Dopingprojekt zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht vergeben, geschweige denn gestartet. Die Öffentlichkeitsarbeit des Verbandes und des Ministeriums erwecken den Eindruck, dass die Studie als Feigenblatt genutzt wird. Ein drei Jahre langes Alibi, auf das bei kritischen Fragen verwiesen werden kann.

Gerhard Treutlein sollte gemeinsam mit anderen mehr oder minder bekannten Doping-Experten im wissenschaftlichen Beirat des Projektes wirken. Dieser Beirat tagte bisher jedoch erst ein einziges Mal - im Herbst vergangenen Jahres. Das nächste Treffen findet erst im kommenden Herbst statt. Bislang herrscht Funkstille. An die Öffentlichkeit drang nichts außer einer Presseerklärung, gespickt mit teils klangvollen Namen. Nach dem Motto: Seht her, wer alles in unserem Beirat sitzt. Die Mitglieder des Beirats jedoch mussten Verschwiegenheitserklärungen unterzeichnen. Auf Anfragen zum Projekt kommen von ihnen dementsprechend kurze oder gar keine Antworten.