Als unsere Ikone Nelson Mandela im Jahr 2004 den WM-Pokal in Zürich empor reckte und für Südafrika den Auftrag entgegennahm, eine WM auszurichten, ließen sich unsere Landsleute blenden. Unsere Mächtigen glaubten, die WM würde uns die Chance geben, uns von unserem Minderwertigkeitskomplex zu befreien. Und von den Zweifeln an unserer Fähigkeit, ein solches Turnier auszutragen.

Wegen der Apartheid sind wir von der Staatengemeinschaft lange als Aussätzige behandelt worden. Die Fußballweltmeisterschaft betrachtete die Regierung, die verzweifelt nach internationaler Anerkennung strebt, als Eintrittskarte in den Führungszirkel der westlichen Welt. Endlich ernst genommen werden – das will Südafrika. Der Fifa sei Dank, dass sie es uns nun ermöglicht. Angeblich.

Leider ist unseren Politikern nicht in den Sinn gekommen, dass man sich Respekt auch verdienen kann, indem man Krankheit, Armut oder die globale Erderwärmung bekämpft. Stattdessen heißt es: Südafrika kann WM, koste es, was es wolle!

Die Kosten sind höher, als wir es uns je vorstellen konnten. Beispiele gefällig? Erstens wollten Kapstadts Politiker ihr Stadion ursprünglich in einem ärmeren Vorort errichten, wo Fußball Leidenschaft und Freizeitvergnügen ist. Fifa-Präsident Sepp Blatter aber wollte eine Aussicht auf die Tafelberge, den Ozean und Robben Island, wo Mandela siebenundzwanzig Jahre seines Lebens verbrachte. Blatter mag eben idyllischen Hintergrund für sein Spektakel. Um seinen Willen durchzusetzen, rief er den damaligen Staatspräsidenten Thabo Mbeki an, der wiederum die Bürgermeisterin von Kapstadt, Helen Zille, unter Druck setzte. Keine Diskussion, das Stadion müsse an der von Blatter gewünschten Stelle gebaut werden. Resultat dieses Umzugs: eine Kostenerhöhung von umgerechnet rund 200 Millionen auf rund 480 Millionen Euro.

Zweitens führte in Johannesburg der Umbau des 70.000 Zuschauer fassenden Ellis Parks und der Bannmeile um das Stadion herum zu einer Vertreibung von armen Immigranten, die dort lebten. Bis heute ist kein Widerspruch zu vernehmen.

Drittens wurde in Nelspruit, einer abgelegenen Stadt am Rande des Krüger National Parks, ein 50.000 Zuschauer fassendes Stadion erbaut. Auf Land, das der armen Kommune für umgerechnet 10 Cent abgekauft wurde. Dem Stadion musste eine Schule weichen, bis heute warten Schüler auf den Umzug in den versprochenen Neubau. Der Bürgermeister von Nelspruit wurde umgebracht, nachdem bekannt wurde, dass bei der Vergabe von Bauaufträgen nicht alles mit rechten Dingen zuging. Der Mörder ist bis heute nicht gefasst.

In Durban akzeptierte die Fifa viertens das bereits existente Stadion, die Umbaumaßnahmen sollten sich auf rund 6 Millionen Euro begrenzen. Trotzdem betrieben Politiker in Durban Lobbyismus für ein neues Stadion, ein Wahrzeichen sollte es werden. Ihr Argument: Sie wollen sich für die Olympischen Spiele und die Commonwealth Games bewerben und Durban als Sporthauptstadt Afrikas positionieren. Voriges Jahr ist ihr Wunsch erfüllt worden. Die Stadt eröffnete ein Stadion, das den Steuerzahler rund 340 Millionen Euro gekostet hat. Ein Verdienst unserer politischen Elite.

Fünftens: Bei der Ausschreibung für den Bau des Johannesburger Stadions, das 94.000 Zuschauer fasst und in dem Eröffnungs- und Schlussfeier ausgetragen werden, gab es Indizien für Betrug. Die Behörden haben erst nach langem Zögern Aufklärung angekündigt.

Wenn unsere Regierung wenigstens den Mut zur Wahrheit hätte: nämlich, dass es ihnen alleine um das Prestige geht. Stattdessen täuschen sie ihre Wähler, indem sie fadenscheinig behaupten, die WM löse einen Wirtschaftsaufschwung aus. Die hohen und dauerhaften Kosten der WM verschweigen sie. Der Publizist Sam Stole schreibt: „Es ist eine Tragödie, wie viel Arbeitszeit, Geld, Fähigkeiten und Energie in ein Projekt versenkt werden, das kaum mehr als eine einmonatige Fernsehshow ist.“

Eine Fußball-WM war das letzte, was Südafrika gebraucht hat, denn das Land hat enorme Lasten zu schultern: Kriminalität muss bekämpft werden, das Schulsystem reformiert, das Gesundheitssystem vor dem Kollaps gerettet. Zudem hat eine desaströse Bodenreform dazu geführt, dass große Gebiete brachliegen und ein Land, das vor fünfzehn Jahren noch Nahrungsmittel exportiert hat, inzwischen unter Essensmangel leidet. Mehr als 60 Prozent der Südafrikaner sind jünger als fünfundzwanzig Jahre alt, davon sind mindestens 27 Prozent arbeitslos, 67 Prozent ungebildet, zum Teil Analphabeten, und mehr als 30 Prozent mit dem HIV-Virus infiziert. Die Korruption in unseren Behörden fügt vor allem der stetig wachsenden Unterschicht großen Schaden zu.