Wer wird Weltmeister? Natürlich Bafana Bafana, die Elf aus dem Gastland. Jedenfalls sind alle Südafrikaner felsenfest davon überzeugt. Ihr Optimismus wurde durch das letzte Vorbereitungsspiel gestärkt: 1:0 gegen Dänemark, endlich einmal ein Sieg gegen einen renommierten Gegner.

Der brasilianische Trainerfuchs Carlos Alberto Pareirra hat den pummeligen Altstar Benni McCarthy aussortiert und das schlappe Team wiederbelebt. Es hat jetzt jede Menge Selbstvertrauen – mit einem leichten Hang zum Größenwahn. Und es kann einen zwölften Mann aufbieten: die Landsleute mit ihren Vuvuzelas, den Plastiktröten, die jeder fremdländischen Elf Furcht und Schrecken einjagen werden. Der gehörschädigende Lärmpegel liegt bei 127 Dezibel. Zum Vergleich: Eine Kettensäge bringt es nur auf 100.

Philly, die Wahrsagerin aus der Township Alexandra, kann noch nicht hundertprozentig prophezeien, wer diesmal den Cup Jules Rimet holt. Nur eines teilt sie telefonisch schon mal vorab mit: Holland kommt auf jeden Fall ins Halbfinale. Wir werden Philly nächste Woche besuchen, dann wird sie ihre Knochen, Muscheln und Steine werfen und eine präzise Vorhersage machen.

Die Holländer haben in der Tat gute Chancen – auch ohne Robben. Denn sie genießen gewissermaßen Heimvorteil, weil es viele Verbindungen zur Kaprepublik gibt. Nicht nur die weißen Buren, sondern auch die Farbigen sprechen nämlich Afrikaans, die Sprache der Siedler, die einst aus den Niederlanden einwanderten. Ajax Amsterdam hält sich in Südafrika den Farmverein Ajax Cape Town; das ist sozusagen einen postkoloniale Nachzuchtanstalt für afrikanische Fußballtalente.

Und die schwarzen Südafrikaner haben nicht vergessen, dass ein gewisser Ruud Gullit, einer der besten holländischen Ballzauberer aller Zeiten, ihren Kampf gegen die Apartheid aktiv unterstützt hat. Wenn Bafana Bafana ausscheidet, werden die Oranjes also viele Fans hinzugewinnen.

Kein Gastteam wird so angehimmelt wie die kanariengelben Brasilianer, sie haben die Herzen der Südafrikaner im Sturm erobert. Aber auch die Engländer dürfen mit zusätzlicher Unterstützung rechnen. Denn erstens wird am Kap keine Liga so leidenschaftlich verfolgt wie die Premier League. Zweitens halten rund 800.000 Südafrikaner einen britischen Pass. Deswegen verspotten sie die Buren gerne als "Salzschwänze": Sie stehen mit einem Bein an Land und mit dem anderen im Meer – und das Teil in der Mitte baumelt im salzigen Wasser.

Aber vor all diesen Ländern rangieren selbstverständlich die afrikanischen Brudernationen. Falls Bafana Bafana ausscheidet, wird die Mehrheit der Südafrikaner zu Nigeria, Ghana oder zur Elfenbeinküste überlaufen – je nachdem, wer die besten Aussichten hat.

Und so ist es nicht verwunderlich, dass auf vielen Autos zwei Fähnlein wehen: von Südafrika und vom jeweiligen Ersatz-Weltmeisterland. So kann überhaupt nichts schief gehen. Eines der beiden Teams wird’s schon schaffen. Wenn nicht am Ende doch wieder nur die Italiener gewinnen.