31 Tage hat diese WM, 31 Seiten hat das WM-Tagebuch von ZEIT ONLINE . Täglich berichtet ein Künstler, Journalist, Fußballer, Wissenschaftler, Schriftsteller oder Musiker, wie er seinen WM-Tag erlebt hat – wo, mit wem und wie er die WM-Spiele gesehen oder auch nicht gesehen hat. 

Berlin, 29.6.2010

Sehr geehrte Sportredaktion von ZEIT ONLINE,

nach drei Wochen verfolge ich Ihre Berichterstattung vom Kap derzeit aus dem Ermüdungsbecken. So viele Tore und Bälle, Helden und Verlierer, soviel Schweiß und Getröte, das macht ja schlapp! Zumal an so einem heißen Tag. Vieles habe ich bisher gelernt, das möchte ich Ihnen kurz erzählen. Ich weiß, dass eine Doppelsechs stark im Trend liegt. Mir ist klar geworden, dass zu viele Gelbe Karten das Spiel kaputt machen, und dass Fußball ein Kampfsport ist, Oli Kahn sei Dank. Mitbekommen habe ich, dass Kevin-Prince Boateng der Böse und Jerome Boateng der Nette ist, obwohl beide ganz gut spielen. Apropos: Brasilianer spielen wie Europäer, Europäer aber nicht wie Brasilianer – das scheint mir nicht ganz logisch. Neulich stellte ich fest, dass Deutschlandklingeltöne mehr über Menschen verraten als ein Nacktscanner. Ein Skandal! Was halten Sie davon?

Allerdings: Das Abseits gibt mir noch zu denken. Ich hörte, in England müsse man in Bewerbungsgesprächen bisweilen die Regel erläutern. Jaja, die Engländer sagen Sie jetzt, aber ist das nicht interessant? Auch im Fernsehen reden die Günt(h)ers Jauch und Netzer ständig über Abseitsstellungen, Abseitsfallen, passives und aktives Abseits, und dass es bei einem Abstoß nicht gilt. Bei allem vermisse ich aber eines: Wer hat die Regel erfunden?

Tage brachte ich zu zwischen dicken Büchern, wälzte Fachliteratur aus Kennerfeder. Promoviert jedes Komma, in Amt und Würden jedes Wort. Gleichviel: selten nur ein Hinweis. Bei Péter Esterházy fand ich, ( Keine Kunst , tolles Buch, kann ich Ihnen nur empfehlen), dass er seiner Mutter die Regel am Sterbebett erklärte. Das ist eine traurige Geschichte, aber brachte mich nicht weiter. Auch im Internet fand ich wenig. Sogar Google kennt den Erfinder nicht, Wikipedia schien ratlos. Vielleicht der Schneemensch der Sportgeschichte? Spannend! Ich möchte Ihnen hiermit die spärlichen Erkenntnisse meiner mehrwöchigen Recherche in einem kurzen, spritzigen Anreißer anbieten:

Der Mann, der die Abseitsregel erfunden hat (MDDAEH), lebt der Legende nach in einem morschen Häuschen. Manche sagen, es stehe irgendwo im verregneten Emsland. Andere erzählen sich, ihnen sei der Mann neulich beim Wandern im Oberharz begegnet. Seine Anschrift kennt nur die Fifa. In speziellen Fällen reicht Sepp Blatter sie an Stürmer weiter, die frustriert sind, weil ihnen ein Tor nicht gegeben wurde oder sie der Schiedsrichter unentwegt zurückpfiff. An diese geheime Adresse wenden sie sich dann, Torjäger aus Kreisklasse und Premier League, und schreiben ihre Klagebriefe. Der MDDAEH liest sie alle. Mit der Post beginnt sein Tag: Er kocht sich eine Tasse Hagebuttentee und geht hinaus zum Briefkasten, vorbei an Disteln und wildem Efeu. Das dauert eine Weile, er ist schon etwas älter. Gram hat ihm den Rücken gekrümmt, seine Augen sind der Beschwerden müde. Später am Schreibtisch blickt er seufzend auf die Absender: Aha, der Rooney. Soso, der Drogba. Och, der Torres, nicht schon wieder! Er kennt seine Pappenheimer ganz genau. Manchmal antwortet er auch. In der vergangenen Bundesligasaison schrieb er an Mario Gomez eine Postkarte: "Schön, dass Ihnen meine Erfindung so gut gefällt. Venceremos, Ihr MDDAEH."

Liebe Sportredaktion, böte sich da nicht eine Homestory auf Ihrer Seite an? Vielleicht mit künstlerischer Fotostrecke. Das will man doch sehen! Da sind noch Fragen offen! Echt wahr, dass er Tantiemen bekommt, wenn der Linienwart die Fahne hebt? Ist er vielleicht eine Frau? Und, brandaktuell: Was hält er (wissen wir’s?: sie) vom Videobeweis?

In der restlichen Presse las ich dazu bisher keine Zeile! Die Bild berichtet: "Klose-Family in Südafrika!" Der Kicker raunt: "Bierhoff lässt Zukunft offen." N-TV deckt auf: "Das Kreuz mit den WM-Schiris." Die SZ meldet: "Das System Löw greift." Spiegel Online dichtet: "Blanker Torso, oder Tor – so?" Und die WELT multitaskt: "Shootingstar Müller kann sogar kochen und reiten."

Eines der letzten großen Menschheitsrätsel! Wäre das nicht Ihre Chance? Ich denke, da steckt noch einiges im Thema. Oder wie man bei Ihnen sagt: Ich würd’s lesen.

Einstweilen mit sportlichem Gruß,

Ihr DH