Manchmal ändern sich die Verhältnisse schnell. Keine vier Wochen ist es her, dass die Nationalmannschaft ihren besten Spieler verlor. Plötzlich ohne Kapitän, plötzlich ohne den Führungsspieler: Joachim Löw musste nach der Verletzung Michael Ballacks rasch umplanen. Aus einem Haufen junger, talentierter Spieler ohne konservative Führungskräfte ein eingeschworenes Team zu formen, lautete die Herausforderung. Und wenn man die Zeichen der vergangenen Wochen richtig liest, scheint der Wandel geglückt.

Schneller als vom Bundestrainer erhofft, haben sich das Führungsprinzip und die Stimmung in seinem Team verändert. Im Mannschaftshotel nahe Pretoria bewegen sich die Nationalspieler so locker, als sei der Grund ihres Aufenthaltes eine Studienfahrt. Der Druck, der auf den Schultern der jüngsten Nationalmannschaft seit Jahrzehnten lastet, ist nicht zu spüren.

Dank des Ausfalls von Michael Ballack hat sich eine neue Dynamik in der Mannschaft entwickelt. Einige Spieler sagen, gerade die Jüngsten hätten nun keine Probleme mehr mit den neuen Führungskräften (Lahm, Schweinsteiger, Friedrich) zu reden.

Natürlich bedeutet die Verletzung Ballacks einen Verlust an Erfahrung für die Mannschaft. Doch – so scheint es kurz vor dem WM-Start – profitiert das Team weitaus mehr vom Fehlen des ehemaligen Kapitäns. Es gibt keine Kluft mehr zwischen alt und jung. Die Zeit der neuen Generation von Führungsspielern scheint schon jetzt gekommen.

Als wäre es selbstverständlich, schoss Philipp Lahm in seinem ersten Spiel als Kapitän ein herausragendes Tor. Die Botschaft seines Schusses in den Winkel war deutlich: Seht her, es geht, und wie!

Der Außenverteidiger hat den Mitspielern auf seine Art demonstriert, dass wichtige Tore auch ohne Ballack fallen. Sami Khedira, der statt Ballack spielt, hat auf der Position im defensiven Mittelfeld gezeigt, dass er das Potential zum Jungstar dieser WM besitzt.

Hans-Dieter Hermann, Mannschaftspsychologe des deutschen Teams, sagt, so, wie die Mannschaft nun gestrickt sei, entspreche es sowohl der Vorstellung des Bundestrainers als auch der Führungsidee der Spieler. Verantwortung wird auf mehreren Schultern verteilt. Flache Hierarchien statt Autokratie.