Die Nachrichten aus den Trainingslagern der Nationalmannschaft klangen in den vergangenen Tagen eher nach Medizinkongress als nach WM-Vorbereitung: Kahnbeinbruch, Knorpelschaden, Kapselriss und Anriss des Syndesmosebandes. Immer wieder traf es Spieler aus der Zentrale des Spiels: Simon Rolfes, Michael Ballack, Christian Träsch und Heiko Westermann alle wichtig fürs deutsche Mittelfeld, alle nun verletzt zu Hause.

Nach dieser Unglücksserie wäre es zwingend notwendig gewesen, wenn der Bundestrainer bis gestern, 24 Uhr einen Mittelfeldspieler nachnominiert hätte. Doch Joachim Löw strich in Andreas Beck zwar einen Außenverteidiger aus dem Kader, holte aber keinen Ersatz für die Zentrale. Der 23-köpfige Kader für die WM steht nun fest und mit ihm die Lücke im deutschen Mittelfeld.

In Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira bleiben Joachim Löw nur noch zwei Spieler, die auch im Verein die Rolle im defensiven Mittelfeld ausfüllen. Während des Freundschaftsspiels in Ungarn testete Löw eine offensivere Variante mit Toni Kroos (drei Länderspiele) neben Khedira (vier Länderspiele). In der zweiten Halbzeit spielten Dennis Aogo (zwei Länderspiele) und Kroos im defensiven Mittelfeld. Alle drei sind talentierte Spieler, nur haben sie wenig Erfahrung, erst recht auf der wichtigen Position in der Defensive. Zu dritt bringen es die U-21-Europameister gerade auf neun Einsätze in der Nationalmannschaft.

Das Problem ist, dass es eigentlich kein Problem geben müsste. Es gibt zwei deutsche Spieler, die genau die Kompetenzen mitbringen, die Löws Elf gerade fehlen. Torsten Frings bestritt 79 Spiele für die Nationalmannschaft. Er hat die nötige Erfahrung im defensiven Mittelfeld und eine herausragende Rückrunde für Werder Bremen gespielt. Doch er hat sich mit seinen Äußerungen disqualifiziert, in mehreren Interviews kritisierte er Löw öffentlich.

Die andere Möglichkeit wäre Thomas Hitzlsperger gewesen, der als Musterprofi bekannt ist. Er hat seine Nicht-Nominierung verständnisvoll akzeptiert. Er würde sich ruhig in die Mannschaft einreihen. Mit mehr als 50 Länderspielen hätte er die nötige Erfahrung. Für Lazio Rom spielt er in der Rückrunde zwar selten, trainierte jedoch regelmäßig und schoss im letzten Saisonspiel gar ein Tor in der Serie A. Hitzlsperger hätte in dieser jungen Mannschaft sogar zu dem Führungsspieler werden können, der in Ballack verloren gegangen ist.

Vielleicht hat sich Joachim Löw aus Prinzip (Hitzlsperger) und Stolz (Frings) gegen eine der naheliegenden Lösungen entschieden. Mit dem Trainer ist nun vor allem die Hoffnung, dass sich weder Schweinsteiger noch Khedira auch noch verletzen werden.

Immerhin, einen Vorteil hat die Verletztenmisere und die Ignoranz Löws: Niemand erwartet Großes! Genau darauf scheint Löw, der wohl seine letzte WM bestreiten wird, zu setzen. Er experimentiert mit dem bestehenden Kader. In Südafrika wird die jüngste deutsche Nationalmannschaft der WM-Geschichte antreten. Altersschnitt: rund 24 Jahre. Kurzfristig ist diese Entscheidung riskant, langfristig ist es eine Entscheidung für die Zukunft.