31 Tage hat diese WM, 31 Seiten hat das WM-Tagebuch von ZEIT ONLINE . Täglich berichtet ein Künstler, Journalist, Fußballer, Wissenschaftler, Schriftsteller oder Musiker, wie er seinen WM-Tag erlebt hat – wo, mit wem und wie er die WM-Spiele gesehen oder auch nicht gesehen hat.

Kann Schweinsteiger spielen? Das ist die Frage, die mir sofort in den Kopf schießt als ich am Morgen erwache. Dieser Tag kann ein Feiertag werden. Meine Freundin hat zum Geburtstagsbrunch geladen und anschließend versucht die deutsche Mannschaft, ins Viertelfinale einzuziehen. Aber ich befürchte, dass Löws unerfahrene Horde ohne Schweinsteiger gegen England die Hosen voll hat. Ich befürchte das aus Prinzip, denn ich bin Zweckpessimist. Wenn sie verlieren, dann ist das für mich nicht überraschend. Wenn sie gewinnen, freue ich mich umso mehr.

Vor dem Feiern kommt erst noch die Arbeit. Ich bin für einen Kollegen eingesprungen und fahre für eine kurze Ausgabe der Tagesschau in den Sender. Wir zitieren gerne gut unterrichtete Kreise, aber in unserem Bericht wissen wir auch nicht mehr als andere: Schweinsteigers Einsatz ist ungewiss.

Aber kann ein Fußballgott wirklich zulassen, dass noch ein wichtiger deutscher Spieler ausfällt? Ich bin weder gläubig noch abergläubisch. Meistens jedenfalls. Derzeit allerdings hätten Kirchenvertreter gute Chancen, mich als neues Schäflein in ihre Herde zu locken. Denn zumindest an den Fußballgott glaube ich wieder. Ist nicht Frankreich ausgeschieden? Jene Mannschaft, die sich nur durch ein mieses Handspiel für Südafrika qualifizierte? Sind nicht die ewig jammernden und schauspielernden Italiener rausgeflogen? Ist nicht wenigstens Ghana als einziges afrikanisches Land weiter im Turnier? Klare Indizien. Es gibt ihn also doch, den Fußballgott.

Bei Weltmeisterschaften bekomme ich aber regelmäßig auch abergläubische Anwandlungen. Ich überlege: Auch Bernd und Stevie sind zum Brunch eingeladen und werden auf jeden Fall das Spiel bei uns schauen. Mit den beiden habe ich im heimischen Wohnzimmer ein Desaster erlebt: die Niederlage gegen Serbien. Bei den Siegen gegen Australien und Ghana waren sie nicht dabei. Herrje. Wie bitteschön sollen die Deutschen mit Bernd und Stevie als Zuschauer gegen England gewinnen? Auf dem Weg vom Sender nach Hause rufe ich Udo an und lade ihn auch zum Fußballgucken ein. Schließlich war er es, mit dem ich über die beiden bisherigen Deutschland-Siege vorm Fernseher gejubelt habe. Vielleicht kann sich die Mannschaft mit seiner Hilfe wenigstens ins Elfmeterschießen retten.

Ich lege mir vorsichtshalber einen Plan B zurecht. Gegen Ghana hatte meine Freundin zwischen die Chips und die Bierflaschen eine Schale mit Erdbeeren und Honigmelonenstücken gestellt. Man stelle sich das vor: Obst zum Fußball. Passt irgendwie nicht. Doch kurz danach schoss Özil den Siegtreffer. Sollte es gegen England schlecht um Joachims Mannen stehen, würde ich meine Freundin ganz unauffällig fragen, ob wir unseren Gästen nicht Erdbeeren und Honigmelone kredenzen sollen.

Doch wozu solche Tricks? Die Deutschen spielen auch ohne Erdbeeren und Honigmelone und mit Bernd und Stevie so wunderbaren Fußball gegen England, dass ich hoffentlich von meinem Aberglauben befreit bin. Schweinsteiger ist natürlich mit dabei. Sie werden vom Schiedsrichter begünstigt, obwohl sie das überhaupt nicht nötig haben. Unser Wembley-Tor heißt für England von nun an das Bloemfontein-Tor. Doch ich bin mir sicher: Auch ohne diesen Ausgleich für das vor 44 Jahren erlittene Unrecht hätte das junge deutsche Team einen Sieg eingefahren.