Roger Federer senkt den Kopf, dann hebt er seine Hände. Ein wenig ratlos sieht der Weltranglistenerste auf dem verregneten Center Court in Paris aus. Die Anzeigentafel hält um 19.42 Uhr einen ungewohnten Endstand fest: 3:6, 6:3, 7:5 und 6:4 für den Schweden Robin Söderling, die Nummer sieben der Welt. Söderling besiegt Roger Federer. Im Viertelfinale eines der wichtigsten Grand-Slam-Turniere. Im weißen Sport ist das eine Sensation. Zuletzt ist Federer vor sechs Jahren so früh aus einem solch wichtigen Turnier ausgeschieden.

Trotzdem wirkt der Dauer-Champion nach der Niederlage gefasst. Enttäuscht sei er nur " bis zu einem gewissen Grad ". Schließlich habe sein Gegner gut gespielt. Da liegt Federer richtig: Söderling schlug ihm die Bälle regelrecht um die Ohren. Andererseits wirkte Federer zuweilen sehr passiv. Während des gesamten Turniers spielte er streckenweise dominant und überragend, dann schien er minutenlang unkonzentriert, bevor ihm wieder ein Schlag aus der Trickkiste gelang. " Das Niveau passt sich auch an, je nachdem wie der Gegner spielt " , erklärte sich Federer in Paris. 

Wer die frühe Niederlage des Schweizers verstehen will, muss genau ein Jahr zurück blicken. Damals erlebte Roger Federer auf dem gleichen Platz den größten Triumph seiner Karriere. Er siegte im Finale ohne Satzverlust gegen eben jenen Robin Söderling und holte – nach zuvor drei Finalniederlagen – den silbernen Pokal auf der Asche von Paris. Ein Erfolg, der anderen Tennis-Legenden wie Pete Sampras oder Boris Becker nie gelang. Es war das fehlende Puzzle-Stück in der eindrucksvollen Karriere des Roger Federer.

Damit hatte Federer alle Kritiker zum Schweigen gebracht, die ihm den Titel auf Asche nicht zutrauten. Zum Jahresende 2009 fuhr er als bester Spieler aller Zeiten in den Winterurlaub. In den Geschichtsbüchern sind sechs Titel auf dem heiligen Rasen von Wimbledon verbucht. Insgesamt gewann Federer 16 der glanzvollen Grand-Slam-Pokale – so viel wie kein anderer. In seiner Laufbahn hat er mehr als 55 Millionen US-Dollar an Preisgeld verdient – ebenfalls Rekord. Federer hat im Tennis alles erreicht. Für den Rest seiner Karriere könne er jetzt frei aufspielen, sagte er mehrfach.

Das klang wie eine Kampfansage. Doch inzwischen zeigt sich, dass wohl auch eine große Portion Selbstzufriedenheit in diesen Worten steckt. Denn seit Federer alle Titel gewonnen hat, wirkt er zuweilen ziellos auf dem Platz. Vor allem abseits der großen Events sieht es nicht danach aus, als sei Federer mit vollem Herzen bei der Sache. Seit Januar hat er kein Turnier mehr gewonnen. Die Spieler, gegen die er in diesem Jahr verlor, sorgen selbst bei eingefleischten Tennis-Experten für ratlose Gesichter: Ernests Gulbis, Marcos Baghdatis, Tomas Berdych und Albert Montanes sind allesamt weitgehend Geheimtipps.

Der Weltranglistenerste zeigte sich davon wenig beeindruckt. Zu Beginn des Turniers in Paris verspürte er gar weniger Druck als in den Vorjahren. " Ich habe dort meine Spuren hinterlassen " , sagte Federer. Ob er wieder gewinnen könne? Natürlich, das habe er bewiesen. " Deshalb fühle ich mich im Moment entspannt. " Zu erklären ist der nachlassende Ehrgeiz im Sport auch mit neuen Herausforderungen im Privatleben: Federers Frau Mirka brachte im vergangenen Sommer die Zwillingstöchter Myla und Charlene zur Welt.