Das letzte Spiel der Vorrunde gegen Kamerun war für mich etwas ganz besonderes. Ich saß die ersten beiden Spiele des Turniers auf der Ersatzbank und wurde meist nur zur zweiten Halbzeit eingewechselt. Auch gegen Kamerun saß ich draußen. Wir mussten dieses Spiel unbedingt gewinnen, sonst wären wir ausgeschieden. Bei der Europameisterschaft 2000 in Holland und Belgien habe ich mitbekommen, was es heißt, in der Vorrunde nach Hause zu fahren. Damals holten wir im gesamten Wettbewerb nur einen Punkt. Diese Erfahrung wollte ich nicht noch einmal machen.

Doch die erste Hälfte lief extrem schlecht. Ein Tor gelang uns nicht. Gegen Ende handelte sich Carsten Ramelow auch noch Gelb-Rot ein. Wir mussten die letzten 50 Minuten mit einem Mann weniger spielen, die Chancen auf einen Sieg standen nicht gut. Zur zweiten Halbzeit wechselte mich Teamchef Rudi Völler ein. In diesem Moment begann das Turnier für mich erst richtig: Wir eroberten den Ball in der eigenen Hälfte, ich sprintete 40 Meter über den Platz und Miro Klose spielte mich steil an. Ich schob den Ball problemlos aus acht Metern am Torwart vorbei.

Mit diesem Tor schaffte ich es das einzige Mal auf die Titelseiten der großen Zeitungen. Es war schon ein unglaubliches Spiel und ein tolles Gefühl. Ich nahm zwar nur an einer Weltmeisterschaft teil, aber die war etwas Besonderes. Anschließend stand ich meist in der Startelf.

In Japan und Südkorea war die Stimmung rund um den Fußball ganz anders als in Deutschland. Daran mussten wir uns gewöhnen. Gegen Saudi-Arabien spielten wir in einem überdachten Stadion, das war fast wie beim Hallenfußball. Je näher wir dem Finale kamen, desto lauter wurde es in den Stadien. Im Halbfinale gegen Südkorea kam ich mir vor wie bei einem Auswärtsspiel in der Bundesliga: Die gesamten Fans feuerten den Gegner an. Michael Ballack schoss uns aber mit seinem Tor ins Finale. Allerdings sah er auch die gelbe Karte und war fürs Finale gesperrt. Dort wollten wir zeigen, dass wir auch ohne Ballack gewinnen können. Leider ist es uns nicht gelungen, wir unterlagen Brasilien mit 0:2.

Miro Klose und ich wurden für meinen Treffer gemeinsam ausgezeichnet. Die Sportschau-Zuschauer wählten den Treffer gegen Kamerun zum Tor des Monats. Die Medaille erhielt ich während meines Urlaubes auf der Nordseeinsel Juist. Ein befreundeter Reporter überreichte sie mir am Strand. Zu Weihnachten schenkten mir Freunde dann noch alle Titelseiten der Tageszeitungen, auf denen ich abgebildet war. Da habe ich wieder gemerkt: Dieses Tor war etwas ganz Besonderes.

Aufgezeichnet von Christoph Heymann

Von 1954-2006: In "Mein WM-Erlebnis" berichten frühere und aktuelle Fußball-Größen über ihr ganz persönliches Erlebnis während einer Weltmeisterschaft. Morgen: Phillip Lahm über sein Tor bei der WM 2006.


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