Die Niederlage gegen die DDR im dritten Vorrundenspiel war entscheidend auf dem Weg zu unserem WM-Titel. Nach dem 0:1 von Hamburg haben sich die Spieler ohne Trainer Helmut Schön zusammengesetzt und gesoffen. Wir haben uns beschimpft und angeschrieen. Wenn man so viele Wochen aufeinander hockt, muss man sich mal die Meinung sagen. Der Abend hat die Mannschaft zusammengeschweißt. Danach lief es bei uns.

Als wir an diesem Abend so zusammensaßen, kamen der Uli Hoeneß und ich auf die Idee, zu unseren Frauen zu fahren. Wir wollten sie unbedingt sehen. Alle Spielerfrauen waren in einem Hotel in Hamburg einquartiert, 100 Kilometer von unserem WM-Quartier in Malente entfernt. Im Jahr 1974 war die Rote Armee Fraktion sehr aktiv. Polizisten und Schäferhunde bewachten unsere Unterkunft rund um die Uhr, Scheinwerferlicht leuchtete alles hell aus. Da konnten wir schlecht abhauen.

Wir suchten uns also einen befreundeten Sicherheitsbeamten und sagten ihm: "Wir wollen nach Hamburg fahren und brauchen ein Auto." Er schaute uns ein bisschen komisch an und weigerte sich, uns zu helfen: "Ihr seid ja betrunken und dürft nicht fahren." Wir ließen aber nicht locker, da sagte er schließlich: "Na gut, dann fahr ich euch."

Der Beamte fuhr uns aber zu langsam, wir hatten ja nicht viel Zeit. "Schleich dich", sagte ich, "jetzt fahre ich!" Der gute Mann musste hinten Platz nehmen, Uli und ich saßen vorne.

Drei Kilometer vor dem Hotel fuhr ich bei Rot über eine Ampel. Die Bremsen funktionierten nicht mehr, das Pedal ließ sich nur noch durchtreten. Ich fuhr trotzdem weiter und zog im Notfall die Handbremse. 100 Meter vor jeder Ampel fing ich an zu bremsen.

1954-2006: Größen des deutschen Fußballs berichten über ihr persönliches WM-Erlebnis © Keystone/Getty Images

Draußen wurde es schon hell. Gegen fünf Uhr trafen wir an der Hotelbar in Hamburg ein. Dort warteten bereits unsere Frauen und ein paar Bekannte von Uli. Wir hatten alle mehrere Wochen nicht mehr gesehen und wollten einfach mal zusammensitzen.

An der Bar saß leider auch Karlheinz Mrazek, ein Journalist des Kölner Express. Ich schärfte ihm ein, ja kein Wort zu schreiben, sonst würden wir ihn verprügeln. Er hielt sich daran, aber was hätte er auch machen sollen? Wir sind immerhin Weltmeister geworden. Danach kannst du dir viel erlauben. Mrazek hat mich danach öfter angerufen. Wir haben immer Kontakt gehalten und sind schließlich Freunde geworden.

Während wir im Hotel saßen, sollte der Sicherheitsbeamte eine Werkstatt suchen, um die defekte Bremse reparieren zu lassen. Es hatte aber noch keine geöffnet. Also sind wir mit dem kaputten Auto zurück nach Malente gefahren, die Handbremse immer fest im Anschlag. Kurz bevor wir unser Trainingslager erreicht haben, wechselten wieder die Fahrer. Uli und ich haben uns auf der Rückbank unter eine Decke gekauert, und der Sicherheitsbeamte ist durch das Eingangstor gefahren. Niemand hat uns erwischt.

Wir haben uns schnell umgezogen und standen pünktlich um 10 Uhr auf dem Trainingsplatz. Meine rechte Hand hat gebrannt, ich hatte dort Blasen. Das kam vom Bremsen mit der Handbremse. Ich konnte nicht mehr richtig zupacken. Helmut Schön hat das natürlich gemerkt und gefragt: "Sepp, was hast du?" Ich habe gesagt, dass ich an der Hand leicht verletzt sei. Es musste der Ersatztorhüter ran und ich durfte Pause machen. 

Aufgezeichnet von Christoph Heymann

Von 1954-2006: In "Mein WM-Erlebnis" berichten frühere und aktuelle Fußball-Größen über ihr ganz persönliches Erlebnis während einer Weltmeisterschaft.

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