Unser damaliger Delegationsleiter und spätere DFB-Präsident Egidius Braun ist ein sehr gläubiger Mensch. Er nahm uns wie vor jedem Spiel mit in die Kirche, um den lieben Gott auf unsere Seite zu ziehen. Wie man weiß, funktionierte das ganz gut. Wir erreichten damals das Finale gegen den späteren Weltmeister Argentinien. Die kleine Kapelle, in der wir beteten, lag ganz in der Nähe unseres Trainings-Camps in Queretaro.

Eines Tages besuchten wir Spieler, der Teamchef Franz Beckenbauer und Egidius Braun ein Waisenhaus in der Stadt. Die Zustände dort waren fürchterlich. Die Kinder mussten in Apfelkisten schlafen. Dieses Erlebnis hat mich sehr betroffen gemacht und mir gezeigt, wie gut es uns Fußballern geht. Wir beschlossen damals spontan, diesen Kindern zu helfen.

Aus dieser Aktion heraus ist die Mexiko-Hilfe der Egidius-Braun-Stiftung entstanden, die es noch heute gibt. Mir ist bewusst geworden, dass es etwas bringt, wenn man sich einsetzt – und zwar nicht nur auf dem Fußballplatz. Der Spruch der Stiftung "Fußball ist mehr als ein 1:0" beschreibt dies sehr schön.

Der Besuch der Kapelle und des Waisenhauses waren während der WM leider die einzigen Gelegenheiten, mal das Hotel verlassen zu können. Abends weggehen, war nicht drin. Unsere Frauen durften uns auch nicht im Hotel besuchen. Wir standen eigentlich immer unter Kontrolle - auch weil die Journalisten mit uns im gleichen Hotel wohnten. Nur eine gedachte Linie, die links neben dem Kaktus vom Swimmingpool verlief, trennte uns von ihnen.

Sportlich lief es bei mir und der Mannschaft gut. Bis zum Finale gegen Diego Maradonas Argentinier hielt ich fehlerfrei. Im Endspiel erwischte ich leider nicht meinen besten Tag. Das 0:1 durch den Kopfball von Jose Brown ging auf meine Kappe. Ich bekam in den ersten 20 Minuten des Spiels keinen Ball zu halten. Als dann der Freistoß von rechts in den Strafraum flog, sagte ich mir: "Toni, den schnappst du dir jetzt." Leider verschätzte ich mich und flog am Ball vorbei. Die Luft auf über 2000 Meter Höhe in Mexiko ist sehr dünn. Da fliegt der Ball manchmal anders, als man es gewöhnt ist. Ich erwähnte das damals aber nicht. Das hätte sich wie eine billige Ausrede angehört.

1954-2006: Größen des deutschen Fußballs berichten über ihr persönliches WM-Erlebnis © Keystone/Getty Images

Auch die beiden anderen Tore hätte ich verhindert, wenn ich an diesem Tag gut drauf gewesen wäre. Aber weder Franz Beckenbauer noch einer meiner Mitspieler machten mir einen Vorwurf. Ich ärgerte mich über meinen Fehler selbst am meisten. Ich hatte einen sehr hohen Anspruch an mein Torwartspiel. Insgesamt war die Niederlage gegen die Argentinier total unnötig. Nach unserem Ausgleich zum 2:2 hätten wir ruhig und kontrolliert weiter spielen müssen, die Argentinier waren doch stehend k.o.

Doch wir wollten den Siegtreffer in den letzten zehn Minuten erzwingen, stürmten nach vorne und haben die Abwehr entblößt.

Dann spielte Maradona aus dem Mittelfeld einen glänzenden Pass auf Jorge Burruchaga, der alleine auf mich zustürmte und den 3:2-Siegtreffer erzielte. Hans-Peter Briegel spielte auf Abseits, doch das hätte er nicht tun sollen. Er war unser schnellster Spieler, ihm wäre kein Stürmer weggerannt. So blieb er aber stehen, die Abseitsfalle missriet und Burruchaga war nicht mehr einzuholen. An diesem Tag hatte der liebe Gott unsere Gebete nicht erhört.

Aufgezeichnet von Matthias Bossaller

Von 1954-2006: In "Mein WM-Erlebnis" berichten frühere und aktuelle Fußball-Größen über ihr ganz persönliches Erlebnis während einer Weltmeisterschaft.

Morgen: Guido Buchwald über Undelikates während der WM 1990


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