Rostock – Auf den ersten Blick sieht alles recht gewöhnlich aus. Aus dem Zapfhahn fließt das Bier, auf dem Grill brutzeln Würstchen. Etwa 350 Menschen starren im Garten des Rostocker Peter-Weiss-Hauses auf eine Leinwand. Die deutsche Nationalmannschaft spielt gleich gegen Ghana. Doch etwas ist anders: Es gibt keine Fahnen, kein Gegröle, keine Tröten. Keine Spur von schwarzrotgoldenem Rausch.

Stefan Nadolny, stellvertretender Leiter des Kulturhauses, setzt dem Farben-Taumel zur Fußball-WM ein alternatives Public Viewing entgegen. Ein Public Viewing ohne "nationalstaatliche Symbole", egal für welches Land. Die Hymnen bleiben stumm, auf Dekoration wurde verzichtet. "Wir möchten Ballermann-Atmosphäre vermeiden", sagt Nadolny.

Gleichzeitig wollen sie auf die Widersprüche im Sport aufmerksam machen. Chauvinistischer Nationalismus oder rassistische Sprüche hätten wenig mit Fußball zu tun. Der Wettkampf von Sportlern steht im Vordergrund. "Alles andere hat stets auch ausgrenzende Effekte", erklärt Nadolny. Der Faszination Fußball können sie sich nicht entziehen, daher auch das Public Viewing. Doch die Gäste sollen die sportliche Auseinandersetzung genießen, Spielzüge und Tore der weltbesten Fußballer, egal woher sie kommen. "Auch wenn ich einen deutschen Pass besitze, kann ich trotzdem die brasilianische Mannschaft bejubeln", sagt Nadolny. "Die spielen einen wunderbaren Fußball."

Mit ihrem Wunsch nach weniger nationalem Rausch sind die Rostocker nicht allein. Die Potsdamer Variante heißt freiBall . Rund 1000 Leute kamen zum Ghana-Spiel. Auf dem Fahnenparkplatz vor dem Eingang können Fans ihre Winkelemente zwischenlagern. "Wir wollen uns mit den negativen Randerscheinungen des Fußballs auseinandersetzen", sagt Mitorganisator Michael Zillmann. Mit Vorträgen und Diskussionsrunden soll auf die Diskriminierung von Spielern mit Migrationshintergrund aufmerksam gemacht werden.

Doch ist das wirklich nötig? Mündet zu viel Schwarz-Rot-Gold zwangsläufig in Fremdenfeindlichkeit? Alexander Woll von der Universität Konstanz bezweifelt das. Gemeinsame Symbole sowie das emotionale Gruppenerlebnis seien wichtige Bestandteile der Fan-Bindung, sagt der Sportsoziologe. Ins Extreme schlägt dies nur in Ausnahmefällen. "Public Viewings haben eher große Ähnlichkeiten mit Maskenbällen." Gleichgesinnte nutzen dies, um sich nach außen kenntlich zu machen. Geschminkte Gesichter, Kopfbedeckungen oder auch Trikots verdeutlichen dies.

In Rostock drängen sie sich um die Leinwand. Hier geht es auch ohne Maskerade. Ab und zu rege sich ein Gast auf, von Übertreibung sei dann die Rede, sagt Nadolny vom Peter-Weiss-Haus. "Das ist aber eher ein Tresenphänomen." Sie erklären kurz ihr Anliegen, meistens reicht das. Verbote gibt es keine, die Schminke muss sich niemand aus dem Gesicht wischen, auch der Fan im Trikot kriegt hier sein Bier. Lediglich die Fahnen mögen weggesteckt werden, steht auf ein paar Schildern.

Jenny Ramos Mendoca bedauert, dass mit nationalen Symbolen in Deutschland so verkrampft umgegangen werde. Um die DFB-Elf zu unterstützen, malte sie sich die deutsche Flagge auf ihre Wangen. Mit ihrem brasilianischen Ehemann kam sie eher zufällig hier her. Fußballspiele sind für die 26-Jährige die Ausnahme, zu ihrem Land stehen zu können. "Ich hoffe, dass damit bald lockerer umgegangen wird."

Die 22 Spieler treten auf den Platz, die Nationalhymnen bleiben stumm. Ein Zuschauer aus einer der vorderen Reihen ruft "lauter", er hat die Schilder nicht gesehen. Für die Nationalmannschaft fiebern die meisten, die Stimmung steigt. Nach Mesut Özils Siegtor wird gejubelt, dann eine halbe Stunde kollektiv gezittert. Emotionen funktionieren auch ohne Schwarz-Rot-Gold. Vereinzelt blitzt es aber doch auf: Einer trägt Socken in den Deutschlandfarben, in der letzten Reihe hängt eine einsame Fahne.

Die Atmosphäre sei entspannter als andernorts.Deshalb wird sich auch Martin Pries aus Rostock das Achtelfinale wieder beim alternativen Public Viewing anschauen.Obwohl er sich die deutsche Fahne auf dem Oberarm gemalt hat, seien ihm Symbole und die Nationalhymne nicht wichtig, sagt der 28-Jährige. "Wenn es gewünscht wird, würde ich mir die Farbe abwaschen."