In den langen Stunden vor dem Spiel gegen Honduras staunten die Fans der Schweizer Fußballauswahl, wie viel Leidenschaft das Kräftemessen zwischen zwei Nationen wecken kann. In allen europäischen Sportteilen war vom bevorstehenden Kampf der Giganten zu lesen. Vom  Aufeinandertreffen zweier großer Mannschaften. Von der Fortsetzung  einer langen leidenschaftlichen Geschichte.

Es ging in den Artikeln um das Achtelfinalspiel England gegen Deutschland – im Prinzip eine Sache im Bereich Leibesübungen. Doch die Rede war auch von zwei Weltkriegen, von Blitzkrieg, von Panzern. Pearce und Gascoigne, so war zu lesen, hätten sich 1996, vor dem EM-Halbfinale, mit Stahlhelm ablichten lassen und Deutschland vor dem Spiel aufgefordert, zu kapitulieren. Und eine englische Zeitung schrieb: Ist Deutschland erst zur Seite geräumt, kommt Argentinien – der Kriegsgegner von 1982.

Diese martialische Seite rund ums Fußballspiel ist dem Schweizer fremd. Aber könnte es an diesem Freitagabend mal anders sein? Immerhin hieß der Gegner Honduras. Dieses Land hatte ja schon mal erfahren, dass ein Spiel mehr ist, als ein Kräftemessen auf dem Rasen. Nach einer 3:2-Heimniederlage gegen El Salvador in der WM-Qualifikation brach im Juli 1969 der Fußballkrieg aus.

Ein Sieg mit zwei Toren musste her, wollten die Eidgenossen sicher weiterkommen. Doch was sich ab 20.30 Uhr ereignete, war ein Spiel , in dem es an allem mangelte. Nicht nur an Toren. Die Spieler von Trainer Ottmar Hitzfeld agierten unentschlossen, mit zu wenig Kraft, zu wenig Schnelligkeit, ohne Präzision. Sie erarbeiteten sich große Chancen, doch Derdiyok, Nkufo und in den letzten zwanzig Minuten Alex Frei vergaben, was sich die Schweiz an Möglichkeiten erarbeitet hatte. Es war das Spiel einer im Prinzip fleißigen, aber letztlich leidenschaftslosen Truppe. Und irgendwann begann man sich zu fragen: Wollen die überhaupt gewinnen?

Mit jeder verspielten Minute wuchs die helvetische Verzweiflung. Die Honduraner wurden mit ihren Kontern gefährlicher, Alpenkeeper Diego Benaglio verhinderte mit Weltklasse-Paraden die Führung des Außenseiters. Das Spiel entwickelte sich zu einem bizarren Negativspektakel. Als nämlich auch die Zentralamerikaner auffällig viele Möglichkeiten verrauschen ließen, drängte sich der Gedanke auf: Will hier denn gar keiner gewinnen?