Brasilien

Neulich war ich in Brasilien und habe die Fußballbegeisterten dort gefragt, wer in diesem Jahr der große Hoffnungsträger in der brasilianischen Nationalmannschaft ist. Die Experten (also alle Brasilianer) nannten nur einen Namen: Neymar! Der ist achtzehn Jahre alt, schlaksig und Stürmer beim FC Santos. Neymar da Silva Santos Júnior hat eine sagenhafte Saison in der brasilianischen Liga gespielt. Der große Péle soll über ihn gesagt haben, er könne besser werden als er selbst. In Europa haben von diesem Neymar bisher die wenigsten gehört. Was erneut beweist, dass es in Brasilien so viele Fußballtalente gibt wie uniformierte Gebäudewächter in Sao Paulo.

Die Pointe dabei ist: Neymar spielt bei der Fußball-Weltmeisterschaft überhaupt nicht. Der Nationaltrainer Carlos Dunga lässt den neuen Liebling der Nation zu Hause. Was die Brasilianer ihrem Trainer schwer verübeln. Die Fans wollen Zauberfußball von himmelsstürmenden Jungartisten sehen. Aber Carlos Dunga will Erfolg. Er hat auch den zweiten Jungstar der Saison, Ganso, nicht für Südafrika nominiert und die Altstars Ronaldinho und Adriano aussortiert. Fragt man brasilianische Taxifahrer nach Adriano, greifen sie sich an die Nase: zu viel Koks.

Dunga ist überzeugt davon, dass die diesjährige Weltmeisterschaft in der Abwehr und dem defensiven Mittelfeld (wo er einst selbst spielte) entschieden wird und nicht im Sturm. Seine wichtigsten Spieler heißen Lucio und Maicon (vom Champions-League-Sieger Inter Mailand) und Dani Alves (vom FC Barcelona). Sie sind zurzeit besser in Form als die offensiven Stars Kaka (von Real Madrid) und Robinho (vom FC Santos). Dunga sagt, er habe aus den Fehlern von 2006 gelernt, als die brasilianische Nationalmannschaft mit selbstgefälligen, überreifen Stars gegen Frankreich im Viertelfinale verlor. Er setzt auf perfekte Ordnung statt auf Individualisten und will mit einem 4-2-3-1-System antreten, also mit zwei defensiven Mittelspielern vor der Abwehr.

Können die Brasilianer italienisch spielen? Sie können. Die brasilianischen Fans werden den Fußball nicht lieben, wenn ihre Selecção in Südafrika spielt – aber den schönen Pokal, den sie am Ende zum sechsten Mal mit nach Hause bringen.