Eine Revolution hat eine schnelle Änderung der Verhältnisse zur Folge, sie wird unter Schmerzen und Opfern vollzogen. Die Evolution schreitet langsam voran, ab und an herrscht Stillstand. Revolution entspricht dem Prinzip Jürgen Klinsmann, Evolution dem Prinzip Joachim Löw.

Spätestens seit 1996 befand sich die deutsche Nationalmannschaft in einer Abwärtsbewegung. Tiefpunkt war die Europameisterschaft 2000 unter Erich Ribbeck, der durch das Ideal auffällig wurde: "Konzepte sind Kokolores." Zwar konnte sein Nachfolger, der liebenswerte Pragmatiker Rudi Völler, den Fall etwas bremsen. Doch die glückliche Finalteilnahme 2002 schien das Unvermeidliche nur aufzuschieben. Den radikalen und notwendigen Epochenbruch gab es erst 2004 nach einer weiteren verpatzten EM. Jürgen Klinsmann kam.

Inzwischen wissen wir: Klinsmann ist kein Trainer, kein Fußballlehrer erster Güte, das hat sein Scheitern bei Bayern München unterstrichen. Doch daran werden ihn die Chronisten nicht messen. Klinsmanns historisches Verdienst besteht darin, die Bedingungen modernisiert zu haben, unter denen Trainer in Deutschland arbeiten: Leistungsdiagnostik, Sportpsychologie, Taktikanalysen, Lernen von anderen Sportarten. Klinsmann hat beim DFB aufgeräumt, auch personell. Und ohne ihn hätte es den Bundestrainer Löw nie gegeben. Franz Beckenbauer schlug Klinsmann ursprünglich Holger Osieck als Co-Trainer vor. Eine wohl ähnlich rückwärtsgewandte Idee wie die Favoriten der einstigen Trainerfindungskommission aus dem Jahr 2004: Otto Rehhagel und Ottmar Hitzfeld.

Klinsmann machte die Nationalmannschaft vom Anhängsel des Clubfußballs zu dessen Leitbild – auch wenn Liga-Vertreter das nicht oder nur zähneknirschend zugeben würden. Klinsmann wurde vom Establishment für seine Anstöße seinerzeit stark angegriffen, sicher auch, weil er durch seine amerikanisch geprägte Management-Rhetorik ein Fremdkörper war und immer bleiben wird. Aber Klinsmann hatte eine Spielidee. Das Wort konnten viele in ihren Wörterbüchern nicht finden.

Heute ist viel vom neuen deutschen Fußball zu lesen, doch handelt es sich beim Jahrgang 2010 um eine Fortentwicklung von 2006. Schon bei der vorigen WM spielte Deutschland den offensivsten Fußball des Turniers, man denke an das 2:0 im Achtelfinale gegen Schweden. Klinsmann verinnerlichte seiner Elf Wucht, Dynamik, Optimismus. Löw, der bereits 2006 den Großteil der Trainingsarbeit erledigte, hat das deutsche Spiel inzwischen verfeinert, seine Stärke liegt in der Detailarbeit.

Nicht ausgeschlossen, dass manchem in der Liga ein Durchschnittstrainer als Nationaltrainer lieber wäre

Löw schärfte seinen Spielstil und zog auch aus konzeptionellen Rückschlägen seine Schlüsse. Wie bei der EM 2008, als er sich zu sehr auf seine Idee und zu wenig auf hartes Training verließ. In diesem Jahr war wieder nur Spanien stärker, dennoch hat Deutschland aufgeholt. Am vergangenen Wochenende hat Thomas Tuchel, Mainzer Trainer, gesagt , dass er seiner Mannschaft die Spielzüge der DFB-Elf vorführen werde.

DFB-Präsident Theo Zwanziger fleht Löw derzeit an, den Vertrag zu verlängern. Sogar beim traditionell mächtigen Stammtisch, einst Klinsmanns natürlicher Feind, hat Löw einen guten Stand. Doch der smarte, bisweilen stille Löw ist ein Trainertyp, der nicht von Natur aus über jeden Zweifel erhaben ist, sondern sich immer durch Ergebnisse neu rechtfertigen muss. Aus dem kleinen Milieu der Blogger und Twitterer etwa schlägt ihm nach wie vor Argwohn entgegen. Und Löw wird nicht vergessen haben, dass ihm vor der WM auch im eigenen Verband nicht viele eine Halbfinalteilnahme zugetraut hatten.

Einerseits ist zu fürchten, dass Löw hinschmeißt, dass er sein Werk und das seines revolutionären Vorgängers nicht vollenden wird. Vielleicht weil er dem DFB die Indiskretionen nachträgt, die bei der gescheiterten Vertragsverhandlung im Frühjahr an den Boulevard weitergereicht wurden – und denen der Verband versäumte nachzugehen. Klinsmann hat 2006 trotz enormer Zustimmungswerte aufgegeben. Vermutlich weil er dem DFB nicht verziehen hatte, dass er Klinsmanns Kandidaten Bernhard Peters abgelehnt und stattdessen Matthias Sammer als Sportdirektor engagiert hatte.

Vor dem WM-Halbfinale meldete sich Ligapräsident Reinhard Rauball zu Wort und vor einer Sonderstellung Nationalmannschaft gewarnt. Ein klares Signal: Die Besitzstandswahrer im deutschen Fußball sind noch nicht mundtot. Nicht ausgeschlossen, dass manchem in der Liga ein Durchschnittstrainer als Nationaltrainer lieber wäre, wie man sie in der Bundesliga findet. Nicht ausgeschlossen, dass Löw auf diesen Kulturkampf, von dem man hoffte, er wäre überstanden, keine Lust verspürt.

Andererseits weiß Löw, wie unberechenbar das Alltagsgeschäft als Vereinstrainer ist. Ein Erfahrungsvorteil gegenüber seinem Vorgänger. Zudem sollte Löw den Reiz erkannt haben, einen der begehrtesten und renommiertesten Jobs der Fußballwelt auszuüben. Zumal er sich selbst günstigste Bedingungen geschaffen hat: eine talentierte, lernwillige Mannschaft. Eine Mannschaft, die sich seiner evolutionären Arbeit verschrieben hat.