Man kann die Bewohner von Chicago mit gutem Gewissen als sportverwöhnt bezeichnen. Die Basketballer der Chicago Bulls um Michael Jordan, Scottie Pippen und Dennis Rodman waren in den neunziger Jahren das beste Basketball-Team der Welt. Dazu können sie sich die altehrwürdigen Footballer der Chicago Bears, das Eishockeyteams Chicago Blackhawks und die rivalisierenden Baseballklubs White Sox und Cubs anschauen. Heute aber werden ein paar Deutsche versuchen, den Leuten vom Lake Michigan einen ihnen unbekannten Sport näherzubringen: Handball.

Wenn die deutsche Handball-Auswahl von Trainer Heiner Brand auf Polen, den WM-Dritten von 2009, trifft, dann ist das nicht nur die Neuauflage des mitreißenden WM-Finals von 2007, sondern zugleich der Höhepunkt einer unvergleichlichen PR-Kampagne durch die USA. Eine Woche lang warben die Handballer in den USA für ihren Sport. Heute werden wohl 9000 Zuschauer dabei sein, das Spiel wird live in Deutschland und den USA übertragen, ein Novum in der amerikanischen TV-Geschichte.

Mit der brachial titulierten "Schlacht von Chicago" soll den Amerikanern Lust gemacht werden auf einen Sport, der schnell und hart ist, und bei dem man sich aufgrund der vielen Tore recht häufig freuen kann – ein Sport, wie geschaffen also für die USA. Noch aber ist Handball den meisten amerikanischen Sportfans völlig unbekannt. Der Sport muss unter dem wenig prestigeträchtigen Namen "Team Handball" firmieren. Unter "Handball" kennen die Amerikaner nämlich ein Rückschlagspiel ähnlich dem Squash, das vor hunderten von Jahren aus dem angelsächsischen Raum importiert wurde. Die Verwirrung komplett macht die Tatsache, dass auch der amerikanische Nationalsport größtenteils mit der Hand gespielt wird, aber Football heißt.

Ein Mann will Licht ins US-amerikanische Handball-Dunkel bringen. Ein Deutscher. Horst-Dieter Esch ist seit zwei Jahren Aufsichtsratsvorsitzender des US-Handball-Verbandes. Er holte die Deutschen und Polen nach Chicago, er organisierte einen Besuch der Teams beim Baseball-Spiel der Chicago Cubs im legendären Wrigley Field, bei dem die Kapitäne Pascal Hens und Slawomir Szmal 60.000 Zuschauern erzählen konnten, dass da bald dieses Handballspiel stattfindet.

Esch selbst ist Unternehmer. Mitte der achtziger Jahre ging er spektakulär mit dem Baumaschinen-Konzern IBH-Holding Pleite, saß vier Jahre wegen Betrugs und Konkursverschleppung  im Gefängnis. Nun kümmert sich der ehemalige Feldhandball-Torwart um den urdeutschen Sport. Der 66-Jährige hat in den USA Strukturen geschaffen, Sponsoren akquiriert und möchte eine eigene Liga und einen geregelten Spielbetrieb aufbauen. "Handball führt in den USA ein Schattendasein. Doch wir wollen diese tolle Sportart aus ihrem Dornröschenschlaf wecken", sagt er. Im Fokus stehen dabei die High Schools und Colleges, über die sich schon der Europa-Import Fußball in der US-Sportwelt festgebissen hat.

An einem möglichen Aufschwung des Sports in den USA will auch der Deutsche Handballbund mitverdienen. "Das Spiel ist wegweisend", sagt Ralf Uhding, der Funktionär der deutschen Handball-Bundesliga, der sowohl im deutschen als auch im amerikanischen Handball-Aufsichtsrat sitzt und der zusammen mit Esch ein Jahr lang "Die Schlacht von Chicago" geplant hat. Er hofft darauf, den amerikanischem Markt das Spitzenprodukt Bundesliga-Handball zu verkaufen. Lizenz- und Fernsehrechte sollen veräußert, neue Sponsoren akquiriert werden. "Wenn das hier ins Laufen kommt, dann ist das die größte sportliche Revolution der letzten Jahre", sagt er.