Sie hat trainiert, sie ist auch bei kleineren Wettkämpfen gestartet, aber die Leichtathletik-Europameisterschaften in Barcelona, die sind kein Thema. Das hat Lilli Schwarzkopf dem Chef-Bundestrainer schon vor einer Weile am Telefon mitgeteilt. "Ich brauche Ruhe, mein Körper braucht Ruhe, ich möchte 2010 kürzer treten", sagte die Siebenkämpferin zu Herbert Czingon. Das war im September 2009. Die EM wird heute eröffnet, der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) ist mit 74 Athleten angereist, Lilli Schwarzkopf, EM-Dritte von 2006, ist nicht dabei. "Wenn man im Training immer an und im Wettkampf sogar über die Grenzen geht, braucht der Körper eine Pause", sagt sie. Das Sportwissenschafts-Studium ist jetzt wichtiger.

Anders sieht es bei Sabrina Mockenhaupt aus. Bei der Team-EM im Juni in Bergen, Norwegen, kam keine ihrer Rivalinnen an ihr vorbei, die Kölnerin gewann über 5000 Meter. "Sie fühlt sich in der Form ihres Lebens", sagt Rüdiger Harksen, neben Czingon der zweite Chef-Bundestrainer. "Sie will unbedingt in Barcelona starten. Weil sie dort große Chancen sieht, eine Medaille zu gewinnen." Mockenhaupt läuft in Barcelona wohl nur über 10 000 Meter, mit Chancen auf Edelmetall. Bei einer WM dagegen würde sie im Feld verschwinden.

Schwarzkopf und Mockenhaupt, sie stehen für die ganze Bandbreite des Dilemmas von Harksen und Czingon. Es geht um die Frage: Wie präsentiert sich die deutsche Leichtathletik dauerhaft am besten? Gönnt man Athleten eine Pause in einem EM-Jahr? Nach Olympischen Spielen, nach zwei Weltmeisterschaften? Oder denkt man an Sponsoren, an TV-Verträge, an eine gute Medaillenbilanz? Bei keinem anderen internationalen Höhepunkt ist es für Deutsche so leicht, viele Medaillen zu gewinnen, wie bei Europameisterschaften.

Es gibt keine klaren Antworten auf die ganzen Fragen. Jeder hat irgendwie Recht. Auf dem Papier gelten EM-Jahre als eine Art Zwischenjahre. Man nimmt sie nicht so ernst wie WM- oder Olympiajahre. Aber in der Praxis ist alles komplizierter. "Im Kugelstoßen ist eine Europameisterschaft wie eine Weltmeisterschaft, nur ohne Amerikaner", sagt Ralf Bartels, der in Barcelona als Titelverteidiger am Start ist. "Ich brauche diese besondere Wettkampfatmosphäre. Wenn ich mal ein Jahr nur so quasi zum Spaß stoße, komme ich aus dem Rhythmus."