Jan Ullrich und die anderen standen auf dem Bonner Rathausbalkon und winkten in die Menge. Tausende Menschen, in magentafarbenen Hemden, mit magentafarbenen Kappen und magentafarbenen Gummihänden, waren gekommen, um die Männer des Team Telekoms zu bejubeln. Die waren in den Wochen vorher durch Frankreich geradelt, schneller als jedes andere Tour-de-France-Team. Und Jan Ullrich, damals 23, gewann als erster Deutscher die härteste Rundfahrt der Welt. Die Menschen waren begeistert, der Sponsor auch. Deutschland war auf dem besten Weg zur Radsport-Nation. Das war 1997.

13 Jahre später hat der deutsche Radsport seinen vorläufigen Tiefpunkt erreicht. Für das einzig verbliebene deutsche Tour-de-France-Team, das Team Milram, ist kein Geld mehr da. Die Nordmilch AG, bisheriger Hauptsponsor, senkte für die kommende Saison den Daumen. Kann Teamchef Gerry van Gerwen keinen neuen Sponsor auftreiben, wird die nächste Tour wohl ohne deutsche Profimannschaft auf die Startrampe rollen.

Zwischen den Jahren 1997 und 2010 ist einiges passiert. Es ging um Blut in Kühlschränken, spanische Dopingärzte, um organisierten Betrug und medizinisch kontrollierte Panschereien. Unappetitliche Geschichten wie diese brachten jedwede Radsport-Euphorie zum Erliegen. Mit dem dopingverseuchten Sport wollten die deutschen Sponsoren nichts mehr zu tun haben. Bis nun auch der letzte Geldgeber ausgestiegen ist.

Mit dem Aus von Milram versinkt der deutsche Radsport in der Zweitklassigkeit. "Wir fallen zurück wie damals zu meiner Anfangszeit", sagte Milrams Sportlicher Leiter Christian Henn, der 1988 seine Rennfahrerkarriere begonnen hatte.

"Der Niedergang des deutschen Radsports hat sich mit dem Ausstieg von T-Mobile und danach Gerolsteiner fortgesetzt. Das Milram-Aus ist jetzt der Tiefpunkt", sagt der frühere Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer. Der suchte vor zwei Jahren, nach dem Ausstieg des Sprudel-Produzenten, ebenfalls einen neuen Geldgeber – vergeblich. Dass van Gerwen mehr Glück hat, bezweifelt Holczer: "Im Moment überwiegt die Angst vor möglichen Zwischenfällen – sprich: Doping. Diese Angst würgt alles ab."

Zumindest in Deutschland. In vielen anderen Ländern hat die Radsportbegeisterung trotz des fortwährenden Dopingbetruges kaum gelitten. So verdienen die besten deutschen Rennfahrer ihr Geld anderswo. Andreas Klöden und Tony Martin fahren für US-amerikanische Teams, Jens Voigt tritt für ein dänisches Team in die Pedale und Grischa Niermann bekommt sein Geld aus den Niederlanden überwiesen. Auch für die deutschen Milram-Fahrer wird die Frankreich-Rundfahrt, einst als wichtigstes Sportereignis des Jahres im Kalender eingetragen, nun zur großen Bewerbungsrundfahrt.

Kapitän Linus Gerdemann erklärte bereits, dass er schon Gespräche mit anderen Teams führt und Sprinter Gerald Ciolek bezeichnet seinen alten Arbeitgeber als "interessante Alternative". Gerdemann, Ciolek und der talentierte Roger Kluge sind sicherlich gut genug, um sich ab der nächsten Saison auf die Räder der Konkurrenzteams zu setzen.

Um die besten deutschen Rad-Profis muss man sich also nicht sorgen. Vielmehr geht es beim möglichen Aus für Milran um die Konsequenzen für den Unterbau des deutschen Radsports. "Gerade für den Nachwuchs ist das besonders schlimm", sagt Milram-Fahrer Christian Knees. Ohne einen deutschen Aushängerennstall fehlt es an unmittelbaren Vorbildern, die zeigen, dass sich die Trainingsqualen rund um diesen harten Ausdauersport tatsächlich lohnen. Und es fehlt die Gelegenheit, Talente an die höchste Rennsport-Liga heranzuführen.

Es ist die nächste Generation von Radfahrern, die nun die Folgen der Ullrich-Ära ausbaden muss.