Die favorisierten Spanier müssen bei dieser WM durch einige Täler gehen. Sie treffen auf einen mauernden Gegner nach dem anderen: erst die Schweiz und Honduras, später die Halbbrüder aus Portugal, im Viertelfinale verdarb nun Paraguays Elf dem Europameister das Tiki-taka. Indem sie, wie es in Spanien heißt, den Bus vor ihrem Strafraum parkten.

Da zudem der Philipp-Lahm-Schreck Fernando Torres seit WM-Beginn außer Form ist, ist das spanische Spiel stumpf, trotz hoher Ballbesitzquote. Nun spielen die Spanier noch mehr in die Breite als ohnehin schon. Wenn die Tore beim Fußball an den Seiten stehen würden, gewönnen die Spanier jedes Match 10:1, war neulich im Internet zu lesen.

Die spannende Frage wird sein, ob Spaniens Trainer del Bosque, der aussieht wie eine Karikatur, den Löw machen wird (den Löw machen: an formlosen Stürmern festhalten, die dieses Vertrauen dann mit Toren zurückzahlen). Gefährlich wird Spaniens Elf nämlich erst dann, wenn Torres ausgewechselt wird und David Villa in die zentrale Position wechselt. Und ein gewisser Fabregas ins Spiel kommt, laut einer Statistik passsicherster Spieler der englischen Premier League.

Vor zwei Jahren, im EM-Finale von Wien, gewannen die Spanier mit dem knappsten aller Ergebnisse. Und das obwohl sie den Deutschen haushoch überlegen waren. Dem großen Mittelfeldmeister Xavi zuliebe wäre ich fast nach Spanien ausgewandert. So wie ich aus meinem Studium einen Spanier kenne, der wegen Günter Grass (dem Xavi der deutschen Nachkriegsliteratur sozusagen) nach Deutschland kam und blieb.

Von einem Rollentausch zwischen Spanien und Deutschland kann man noch nicht reden, doch bei dieser WM hat Joachim Löw sein Team hispanisiert, während Spanien zum Experten für 1:0-Siege geworden ist. Noch vor wenigen Tagen hätte man Spanien die Favoritenrolle zugedacht. Inzwischen ist das nicht mehr selbstverständlich.

Noch eine Beobachtung von gestern: So wie Porsche-Cayenne-Fahrer die Elbchaussee als ihr Revier betrachten, scheinen auch die Spanier an ein Privileg zu glauben: dass sie bei Elfmetern früher in den Strafraum rennen dürfen als andere. Vielleicht ein Europameister- oder Ästhetikbonus.

Jedenfalls hat dieses extrem nervige Verhalten gestern zu einer vertrackten Regelfrage geführt, die eigentlich nur im Schiedsrichteroberseminar behandelt wird. Zunächst das Einfache: Den erfolgreichen Elfmeter von Xabi Alonso ließ Carlos Batres aus Guatemala zurecht wiederholen, denn er war drin. Batres hätte auch schon den verschossenen Elfer Paraguays wiederholen lassen müssen, weil vier Spanier fast eher am Ball waren als der Schütze Oscar Cardozo.

So weit so leicht. Kompliziert wird es beim zweiten Elfmeter Alonsos, dem verschossenen. Wieder liefen die Spanier zu früh in den Strafraum, während die Paraguayer sich brav wie Ford-Mondeo-Fahrer an die Regel hielten. Beim Nachfassen wurde Cesc Fabregas von Tormann Justo Villar erneut zu Fall gebracht. Doch Fabregas war (was sonst?) zu früh in den Strafraum gelaufen, hätte also, wenn er sich an die Straßenverkehrsordnung gehalten hätte, gar nicht gefoult werden dürfen.

Was hätte der Schiedsrichter entscheiden müssen? So viel vorweg: Einen Elfmeter, wie viele meinen, nicht. Gab er ja auch nicht, aber auch aus den richtigen Gründen? Liebe Leser, wissen Sie es?

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