Wenn am Sonntag die schnellsten Radfahrer der Welt an die Startlinie der Hamburger Cyclassics rollen, dann können sie nicht sicher sein, ob sie nach 216 Kilometern tatsächlich im Ziel ankommen werden. Das liegt aber weder an der unbezwingbaren Strecke als solche noch an untrainierten Radfahrerbeinen, sondern daran, dass sich den Fahrern ungewohnte Hindernisse in den Weg stellen könnten – Umweltschützer wollen die Cyclassics ausbremsen.

Die Kampagne "Gegenstrom 10" hat sich vorgenommen, in das Profiradrennen einzugreifen. "Es sind vielfältige Protest- und Störaktionen geplant", heißt es in einem offenen Brief, den die Umweltschützer im Vorfeld des Rennens an alle beteiligten Profirennställe schickten. Sie wollen so gegen den Sponsor des einzig deutschen Radrennens der höchsten Kategorie protestieren, den Energiekonzern Vattenfall. Die Fahrer sollten wissen, "dass es in diesem Jahr wahrscheinlich keinen sportlichen Sieger geben wird", teilten die Umweltschützer mit. Werfen die Aktivisten also Reißzwecken auf die Straße oder beschmieren sie mit Seifenlauge? Wohl nicht. Vielmehr sollte das Rennen durch "physische Präsenz" behindert werden. Eine Gefährdung der Fahrer sei ausgeschlossen.

Dass die Umweltaktivisten dabei eine Sportart treffen, die man wohl als ökologisch tadellos bezeichnen könnte, bedauert die Gruppe. "Die Aktion richtet sich nicht gegen die Radlerinnen und Radler", sagt Gegenstrom-Sprecher Jens Fischer. Die Kritik am Sponsor stehe im Vordergrund. "Das ist eine symbolische Aktion, die sich gegen eine bestimmte Form von Pressearbeit richtet. Vattenfall möchte mit dem ökologisch tadellosen Radsport ihr zu Recht bestehendes Schmuddelimage neutralisieren", sagt Fischer.

Die Störung soll sich ausdrücklich nicht gegen das Jedermann-Rennen richten, bei dem sich etwa 20.000 Hobbyradler durch Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein quälen. "Dass die mitfahren, die mitfahren wollen, ist völlig in Ordnung. Wir hoffen, und das ist unser Ziel, dass sich Vattenfall als Sponsor zurückzieht und ein neuer Geldgeber gefunden wird", sagt Fischer. "Gegenstrom" hatte schon mehrfach gegen den Energiekonzern protestiert. Im Mai 2008 besetzten rund 40 Menschen die Baustelle des umstrittenen Kohlekraftwerkes Moorburg, eines der größten seiner Art in Deutschland.

Der Cyclassics-Veranstalter Upsolut zeigt kein Verständnis für die geplanten Aktionen. "Wir meinen, dass es die Falschen trifft", sagt Reinald Achilles von Upsolut. Etwa 1000 Ordnungskräfte, verstärkt von einer Vielzahl an Polizeibeamten sollen Störungen verhindern. "Wir arbeiten eng mit der Polizei zusammen, um das Rennen über die Bühne zu bekommen", sagt Achilles. Veranstalter und Polizei wissen aber beide, dass eine Radstrecke von 216 Kilometern Länge nur schwerlich zu kontrollieren ist.

Vattenfall möchte dieses Thema nicht kommentieren. Stattdessen kündigte der Energiekonzern wenige Tage vor dem Radrennen an, seine Cyclassic-Sponsoringaktivitäten bis ins Jahr 2012 zu verlängern. Zumindest diesen Kampf haben die Umweltaktivisten erst einmal verloren.