Frage: Herr Gerland, hat sich Bundestrainer Joachim Löw schon bei Ihnen bedankt und ein paar Flaschen badischen Wein geschickt?

Hermann Gerland: Nein, nein, das braucht er nicht. Vielleicht weiß er auch, dass ich keinen Wein mag. Ich trinke lieber ab und zu einen Whisky mit Cola.

Frage: Gleich sieben Spieler aus der umjubelten deutschen WM-Mannschaft haben bei Ihnen gelernt: Müller, Badstuber, Kroos, Trochowski, Schweinsteiger, Lahm – und sogar Arne Friedrich, den Sie vor zehn Jahren als Trainer in Bielefeld entdeckten.

Gerland: Mein Anteil ist nicht so groß, wie Sie denken. Hier haben viele ein Auge für Talente. Da draußen auf unserem Trainingsgelände schlurft immer einer rum und guckt, er arbeitet eigentlich beim Finanzamt, geht bald in Rente. Wer ist das denn?, wollte Louis van Gaal wissen. Ich habe ihm gesagt: Dieser Jugendtrainer hat die meisten unserer Granaten hierhergeholt, als sie Kinder waren, mit zwölf oder dreizehn. Aber keiner kennt ihn.

Frage: 2010 war doch Ihre Weltmeisterschaft! Sie müssen mit besonderem Vergnügen zugeschaut haben.

Gerland: Ich habe ja auch extrem gekämpft für diese Jungs! Es kriegt nicht jeder mal einfach so einen Vertrag bei Bayern. Wenn ich hochgehe zu Kalle und Uli …

Frage: … zum Vorstandsvorsitzenden Rummenigge und Bayern-Präsidenten Hoeneß …

Gerland: … und sage, ich hab da einen, den müssen wir halten, der wird ein richtig Guter, dann höre ich erst mal: Was, einen Vertrag?! Der Kalle sagt, der Kerl ist 18, da habe ich ja 70 Länderspiele gebraucht, bis ich so einen Vertrag in der Tasche hatte. Ich sage, Kalle, das war aber vor’m Krieg. Und wenn einer dann seinen Vertrag bekommt und in der Bundesliga vor 70.000 spielt, dann sitze ich da, jeder Muskel verkrampft, starre auf den Rasen und denke nur: Hoffentlich macht der jetzt keinen entscheidenden Fehler. Die Sprüche wie "Hermann, hey, haste deinen Traumtänzer gesehen!" kenne ich, die muss ich nicht mehr haben.

Frage: Ein Talent braucht Spielpraxis …

Gerland: … und ich brauche einen Trainer, der ihm diese Praxis in der Bundesliga gibt. Wenn ein 18-Jähriger und ein 25-Jähriger gleich stark sind, spielt bei van Gaal der Jüngere. So hat nicht jeder seiner Vorgänger gedacht, da hieß es: Lahm, keine Chance. Da konnte ich sagen, ich hatte noch nie einen Spieler, der mit 17 so gut war wie er. Wenn aus dem kein Großer wird, gehe ich zum Volleyball – es half alles nichts. Ich habe Uli gesagt, wir müssen den an einen guten Verein ausleihen, Lahm in der dritten Liga bei den Amateuren, das ist Perlen vor die Säue. Aber glauben Sie, den wollte im Frühjahr 2003 einer haben? Null Interesse. Bis der Felix Magath beim VfB Stuttgart gesagt hat, den nehme ich.

Frage: Was war das Besondere am jungen Lahm?

Gerland: Der machte alles richtig, schon als Jugendlicher. Nie brachte er durch einen schlampigen Pass einen Mitspieler in Schwierigkeiten. Linker Verteidiger, rechter Verteidiger, vor der Abwehr, Philipp konnte alles spielen. Er war auf den ersten 20 Metern enorm schnell, fand in jeder Situation die richtige Lösung, hatte für seine 1,70 Meter Größe ein sensationelles Kopfballspiel. Wissen Sie, ich esse gerne Bratwurst ...

Frage: ... Sie meinen Weißwurst?

Gerland: Nein, Bratwurst, richtig deftige Hausmannskost. Oft bin ich vom Training nach Hause gekommen und habe zu meiner Frau gesagt, Gudrun, dem Philipp Lahm beim Training zuzusehen, ist wie Bratwurst essen. Ein richtiger Genuss.

Frage: Seit 20 Jahren bilden Sie nun – mit Unterbrechungen als Trainer von Bundesligaprofis – bei Bayern München junge Spieler aus. Das Fußballgeschäft hat sich seitdem verändert, die Spieler sicher auch.

Gerland: Heute hören die mehr auf ihre Berater als auf den Trainer. Die Berater sagen ja auch ständig: Du bist der Größte! Oder: Der Gerland hat doch keine Ahnung, wenn er dich kritisiert. Und ich kritisiere immer. Siehst du da den schönen Trainingsplatz mit der Rasenheizung, sage ich, da kommst du nur drauf, wenn du besser wirst, wenn du mehr ackerst! Fürs Streicheln sind die Freundinnen zuständig. Vielen jungen Spielern fehlt die Besessenheit.

Frage: Wie zeigt sich das?

Gerland: Kürzlich wurde das Spiel unseres nächsten Gegners in einem Dritten Programm gezeigt. Und wer hat sich hingehockt und Fernsehen geschaut? Nur der Gerland. Wir haben bei Bayern II mehr als 20 Spieler im Kader – und keiner sieht sich das an! Was haben die denn für ein Interesse an ihrem Beruf? Ich verstehe das nicht.

Frage: Woran scheitern viele große Talente?

Gerland: Der eine hat dauernd gesundheitliche Probleme, ein anderer ist zu sensibel. Um sich bei Bayern durchzusetzen, braucht es eine robuste Psyche. Selbst der Beste macht mal einen Fehler und wird kritisiert, aber er darf nicht daran zerbrechen. Fragen Sie mal Profis wie Mario Gomez oder Miro Klose, welchen Druck die in der vorigen Saison hatten. Wer von unseren Talenten Druck nicht aushält, muss sein Glück bei einem anderen Klub suchen. Da verdient er immer noch genug Geld.

Frage: Ein Star wie Franck Ribery bekommt angeblich sieben Millionen Euro netto im Jahr, aber selbst ein Durchschnittskicker wie Albert Streit kassiert bei Schalke 04 fürs Bankdrücken über zwei Millionen.

Gerland: Sie müssen gar nicht in die erste Liga schauen. Selbst in der dritten, wo unsere Amateure spielen, bringt einer mehr Geld nach Hause als der Prokurist einer Sparkasse.