Thomas Hitzlsperger: Vergangene Woche sind der Grünenpolitiker Sepp Daxenberger und der Künstler Christoph Schlingensief gestorben. Mich interessiert, wie wir mit dem Thema Tod umgehen.

ZEIT ONLINE: Wie sind Sie mit dem Tod der beiden Prominenten umgegangen?

Hitzlsperger: Mit Schlingensief habe ich mich schon vor einiger Zeit beschäftigt. Über die Medien habe ich von seiner Krankheit und seinem Buch erfahren. Ich habe einen beeindruckenden Auftritt in einer Talkshow von ihm gesehen. Er ist das Thema Tod sehr offensiv angegangen, hat gesagt, dass er noch nicht sterben möchte und dass die Erde der bessere Himmel sei. Daxenbergers Tod war ebenfalls schockierend, weil kurz zuvor noch seine Ehefrau verstarb und die drei Kinder so früh ihre Eltern verloren. Er hat parteiübergreifend Zuspruch erfahren, das ist selten.

ZEIT ONLINE: Unsere Medienwelt ist in der Lage, Prominente anderen Menschen so nahe zu bringen, dass sie glauben, sie zu kennen. Sie haben mit einem Menschen getrauert, den Sie nie getroffen haben.

Hitzlsperger: Dieses Phänomen ist nichts Neues. Es gibt auch viele Menschen, denen wir als Fußballspieler nahe stehen, obwohl wir uns nicht wirklich nahe sind. Als Spieler denkt man, nur weil Fans uns im Fernsehen spielen sehen und reden hören, kennen die einen ja nicht. Aber sie fühlen sich so. Ob Schlingensief oder Fußballprofi: Menschen, zu denen man aufschaut, weil sie besondere Fähigkeiten haben oder weil sie etwas Besonderes ausstrahlen, fühlt man sich gerne nahe.

ZEIT ONLINE: Ist das nicht skurril?

Hitzlsperger: Klar ist es das. Ich kannte Schlingensief auch nicht persönlich, aber mich hat seine Arbeit fasziniert. Es nimmt einen mit, wenn jemand, der so viel geben kann, Begeisterung entfacht und voller Lebensfreude ist, so früh stirbt.

ZEIT ONLINE: Der Tod ist in unserer Gesellschaft also alles andere als ein Tabu-Thema?

Hitzlsperger: Ein Tabu ist der Tod für mich nicht. Aber das Thema ist nicht dauernd präsent. Erst durch Schicksalsschläge aus dem Familien- und Freundeskreis oder bekannter Persönlichkeiten widmen wir uns dieser Thematik. Eine Form der längeren Auseinandersetzung mit dem Tod gibt es aber selten. Wohl auch, weil viele Leute Angst vor diesem Thema haben.

ZEIT ONLINE: Welchen Kontakt hatten Sie bisher mit dem Tod?

Hitzlsperger: Als ich jung war, sind meine Großeltern gestorben. Seitdem gab es keinen Todesfall mehr im Familienkreis. Aber meine noch lebenden Großeltern kommen in ein Alter, bei dem man sich mit dem Gedanken auseinandersetzt. Es ist nicht einfach, weil ich ihnen sehr nahe bin, sie sehr gerne mag. Die Vorstellung, dass sie irgendwann nicht mehr da sind, ist schwer. Ich weiß jetzt schon, dass es wehtun wird. Ich bin oft unterwegs und bedaure, dass ich sie so selten sehen kann.

ZEIT ONLINE: Über den Tod Schlingensiefs wurde öffentlich berichtet und getrauert. Zeitgleich sind in Pakistan unzählige Kinder, Mütter, Väter gestorben. Der Tod ist dort viel häufiger, wird uns aber nicht so bewusst. Ist das ein Grund für ein schlechtes Gewissen?

Hitzlsperger: Nein, aber es ist ebenfalls tragisch, dass so viele Menschen ums Leben kamen. Diese Menschen hatten keine Chance, ebenso wenig wie Christoph Schlingensief oder Sepp Daxenberger.

ZEIT ONLINE: Im vergangenen Jahr gab es ein Ereignis im Fußballgeschäft, das gezeigt hat, dass die Zuwendung zum Thema Tod sehr groß ist. Die Anteilnahme nach dem Selbstmord Robert Enkes wirkte fast grenzenlos.

Hitzlsperger: Das war das größte Spektakel der vergangenen Jahre, das um einen Todesfall entstanden ist. Eine Trauerfeier in einem Fußballstadion – das war wirklich ungewöhnlich. Aber bei Roberts Tod ging es auch um die Krankheit Depression und den Umgang damit. Robert war ein Vorbild und kaum jemand wusste von seiner Krankheit.

ZEIT ONLINE: Hat der Tod zu viel oder zu wenig Raum in unserer Gesellschaft?

Hitzlsperger: Ich bin nicht der Meinung, dass wir ständig über den Tod sprechen und nachdenken müssen. Ich beschäftige mich auch gern mit anderen Dingen, die viel schöner sind.

ZEIT ONLINE: Was ist schlimmer: Wenn eine Beerdigung im TV übertragen wird oder eine Hochzeit?