Was wohl Joachim Löw gedacht hat, gestern Abend vor dem Fernseher oder heute mit der Zeitung am Frühstückstisch? Mesut Özil wechselt zu Real Madrid , erfuhr er, für etwa 15 Millionen Euro, ein paar mehr oder weniger fallen bei den stets spendablen Madrilenen kaum ins Gewicht. Özil wird es dort mit der wandelnden Trainer-Legende José Mourinho zu tun haben, seine neuen Kollegen könnten als Weltauswahl durchgehen. Joachim Löw wird sich gefreut haben für Mesut Özil, und er wird sich Gedanken machen, was das Ganze für sein Projekt "EM 2012" bedeutet. Er wird Chancen erkennen, aber auch Risiken.

Es ist schon einige Zeit her, dass deutsche Spieler im Ausland derart begehrt waren. Es gab zuletzt Michael Ballack und es gab immer wieder einige Durchschnittsspieler, die für spanische oder türkische oder gar österreichische Durchschnittsvereine die Schuhe schnürten. Dass aber drei aktuelle Nationalspieler ihr Geld von europäischen Topklubs überwiesen bekommen gab es zuletzt Anfang der neunziger Jahre. Vier Weltmeister von 1990 standen damals in Italien unter Vertrag. Fünf weitere wechselten in den folgenden zwei Jahren in die Serie A, damals der Höhepunkt des Weltfußballs.

Zwanzig Jahre später werden Sami Khedira und Mesut Özil das Trikot von Real Madrid tragen, Jerome Boateng wechselte zu Manchester City, dank vieler Ölmillionen eine der ambitioniertesten Premier-League-Mannschaften. In diesen Transfers beklatscht die Fußball-Welt zuallererst die Arbeit des Deutschen Fußballbundes (DFB). Die WM-Auftritte der Nationalmannschaft haben einen im Ausland wohl nicht für möglich gehaltenen Modernisierungsprozess bezeugt.

Joachim Löw wird sich über die Wechsel von Boateng, Khedira und Özil zunächst also einmal freuen. Die drei Neu-Legionäre werden sich künftig im Trainings- und Ligaalltag auf einem höheren Niveau bewegen als in Stuttgart, Bremen oder Hamburg. Sollten sich die Nationalspieler bei ihren Vereinen durchsetzen, werden sie auch das Spiel der DFB-Elf auf eine neue Stufe hieven können.

Doch es drohen auch Probleme. Mesut Özil war der einzige Stammspieler, der während der WM nie zur täglichen Pressekonferenz eingeladen wurde, den Trubel nach dem Spiel lässt er meist an sich und seinen Designerkopfhörern vorbeirauschen. Auf dem Feld zeigt Mesut Özil nur gelegentlich Anflüge von Melancholie, neben dem Platz wirkt er beständig leise, schüchtern, fast zerbrechlich . Eigenschaften, die dem Jungen aus Gelsenkirchen in Madrid, mit seinen fünf täglich erscheinenden Sportzeitungen und der Konkurrenz aus aller Welt, nicht gerade einen Startvorteil verschaffen.