ZEIT ONLINE: Wir haben den Eindruck, dass sich die Leute zunehmend für taktische Details interessieren .

Urs Siegenthaler: Das kann sein, zumindest stoße ich bei Journalisten auf offene Ohren.

ZEIT ONLINE: Wir hoffen, auch bei den Trainern, mit denen Sie zu tun haben. Welche Lehren kann die Bundesliga aus der WM ziehen?

Siegenthaler: Das werden die Kollegen schon selbst tun. Aber dem Bundestrainer habe ich gesagt: Alle Teams sind in der Defensive sehr gut organisiert – das ist nichts Neues. Ich habe jedoch von vielen Abwehrspielern Stellungsfehler gesehen, ungeschickte Zweikämpfe und unnötige Fouls. Mein Eindruck ist, dass der Einzelne in den vergangenen Jahren gegenüber dem Kollektiv vernachlässigt wurde. Alle verschieben gut, doch die richtige Individualtechnik ist verkümmert. Eine Beobachtung, die ich auch in der Champions League gemacht habe.

ZEIT ONLINE: Ohne Ausnahme?

Siegenthaler: Natürlich gibt es Ausnahmen. Man denke an die spanische Innenverteidigung Carles Puyol und Gerard Piqué. Auch Arne Friedrich hat dank einer guten Vorbereitung eine starke WM gespielt. Dennoch vermisse ich Persönlichkeiten in der Abwehr, so wie es früher Franco Baresi war.

ZEIT ONLINE: Und was nehmen wir aus Südafrika mit für die Offensive?

Siegenthaler: Meine Erkenntnis aus den vergangenen Jahren ist: Ich will vier gelernte Stürmer auf dem Platz. Das heißt nicht, dass man ein System mit vier Spitzen spielt. Aber bei Ballbesitz brauche ich vier Spieler mit Drang zum Tor. Mindestens. Sonst kann man eine eingespielte Abwehr nur schwer knacken.

ZEIT ONLINE: Das heißt im Gegenzug, dass diese Stürmer bei Ballbesitz des Gegners teilweise weit in der eigenen Hälfte verteidigen müssen. Bei José Mourinho hat der Weltklassestürmer Samuel Eto'o in der vergangenen Saison oft die rechte Seite "zugemacht".

Siegenthaler: Ja, das muss man ihnen beibringen. Ich kann Mourinho nur aus der Ferne beurteilen, aber er scheint seine Spieler individuell gut zu trainieren.

ZEIT ONLINE: Ich habe den Eindruck, dass das in der Bundesliga nicht geschieht.

Siegenthaler: Das muss man im Einzelfall betrachten. Aber wie oft habe ich im internationalen Fußball den fatalen Satz gehört: "Wir haben Millionen für diesen Spieler ausgegeben. Da erwarten wir einen fertigen Spieler, den man nicht noch schulen muss." Doch auch teure Spieler muss man fördern und verbessern. Talente sowieso, mit 20 ist man noch nicht ausgebildet. In vielen Vereinen geht man mit Zugängen zu oberflächlich um.

ZEIT ONLINE: Ist das 4-2-3-1 dem 4-4-2 überlegen, wie manche Experten sagen?

Siegenthaler: Das kann man so nicht sagen. Ich halte das 4-4-2 für die Basis und das bessere Ausbildungssystem für die Jugend. Wenn wir in der Grundschule rechnen lernen, fangen wir mit dem Dezimalsystem an – und nicht mit Algebra. Verfeinern, differenzieren kann man im Erwachsenenalter.

ZEIT ONLINE: Wie verändert sich der Fußball im Mittelfeld?

Siegenthaler: Was sich in jüngster Zeit deutlich gezeigt hat, ist: Ein 6er ist zu wenig. Es braucht zwei. Deutlich zu sehen diese Woche bei Young Boys Bern gegen Tottenham. Erst als die Engländer den zweiten 6er brachten, bekamen sie den Gegner in den Griff. Einer alleine kann die ganze Breite nicht abdecken.

ZEIT ONLINE: Wie sieht modernes Flügelspiel aus? Wir sehen immer häufiger, dass Rechtsfüßer links spielen und umgekehrt.

Siegenthaler: Die Idee des Angriffsspiels hat sich gegenüber früher geändert. Auf dem Flügel zieht man nicht mehr ausschließlich bis zur Grundlinie, um die Flanke reinzuschlagen. Stattdessen ziehen viele mit ihrem starken Fuß nach innen, um in die offenen Schnittstellen zu spielen. Oder zu schießen. Wie viele Tore hat Arjen Robben im vorigen Jahr so erzielt? Bis die Gegner es kapiert hatten, waren die Bayern im Champions-League-Finale. Vorige Woche hat der Däne Dennis Rommedahl, Linksfuß, von der rechten Seite gegen uns ein Tor geschossen.