ZEIT ONLINE: Herr Rummenigge, heute Abend beginnt die Champions League. Werden auch dort, wie bei der WM, die meisten Mannschaften mit nur einem Stürmer spielen?

Michael Rummenigge: Das ist zu befürchten. Obwohl ich natürlich weiß, dass man auch mit einer Spitze offensiv spielen kann, hoffe ich auf eine Trendumkehr. Man sollte im Fußball nicht immer nur auf Sicherheit achten. Etwa wie Berti Vogts, der seine Aserbaidschaner gegen die Deutschen Manndeckung spielen ließ.

ZEIT ONLINE: Nürnberg hat gegen den HSV teilweise auch Manndeckung spielen lassen. Kann es sein, dass dieses Element ein Comeback im Spitzenfußball erlebt?

Rummenigge: Kaum vorstellbar, das ist ein Mittel aus der Steinzeit. Eher denke ich, dass wir eine Abkehr von der Viererkette erleben. Warum brauche ich zwei Innenverteidiger, wenn es nur einen Stürmer gibt? Einen von beiden könnte man vorziehen, zwischen Abwehr und Mittelfeld.

ZEIT ONLINE: Ihre Hoffnung auf Offensive in allen Ehren, doch in der Vorsaison gewann ein Team die Champions League, das reagierenden und risikoarmen Fußball spielt: Inter Mailand.

Rummenigge: Das ist der Stil José Mourinhos. Ich bin gespannt, wie er in Madrid zurechtkommt. Wie viel Zeit man ihm lässt und ob er sein Defensivdenken dort durchsetzen kann. Erfolg hat er überall, allerdings braucht er ein bis zwei Jahre. Daher ist Real Madrid nicht mein Favorit in diesem Jahr.

ZEIT ONLINE: Wer sind Ihre Favoriten?

Rummenigge:Barcelona muss man immer nennen. Dieser Verein hat eine gute und stabile Idee vom Fußball. Nun haben sie einen Stürmer gekauft, der perfekt ins System passt: David Villa, der seine Mitspieler aus der Nationalelf kennt. Vielleicht braucht die Mannschaft wegen der WM aber noch ein bis zwei Monate, bis sie in Bestform ist.

ZEIT ONLINE: Überhaupt fällt auf, dass viele Top-Klubs wenig eingekauft haben. Ausnahme ist der AC Mailand, wo Patron Silvio Berlusconi seinen Fans auch aus Wahlkampfkalkül die teuren Stars Zlatan Ibrahimovic und Robinho geschenkt hat. Doch die Regel sind Inter Mailand, Bayern München, Arsenal oder Manchester United, die ohne nennenswerte Transfers in die neue Saison gegangen sind.

Rummenigge: Sie setzen auf Stabilität, und das ist gut. Mit Manchester United übrigens ist immer zu rechnen. Wayne Rooney ist, auch wenn das Turnier in Südafrika anderes vermuten ließ, nicht auf dem absteigenden Ast. Er war durch die strapaziöse Saison überspielt. Wie Lionel Messi auch.

ZEIT ONLINE:Thomas Müller, Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm hätten das auch sein müssen ...

Rummenigge: ... und haben, mit Mesut Özil, trotzdem eine herausragende WM gespielt, ich weiß. Mein Bruder (der Vorstand des FC Bayern Karl-Heinz Rummenigge, die Red.) wollte ja sogar, dass Müller nicht zur WM fährt. Da hat er sich Gott sei Dank nicht durchgesetzt.