Das Westfernsehen. In der Kabine der DDR. Ein Unding, aber in diesen Tagen war sowieso alles egal. Das Team der ARD zoomt auf einen 21-Jährigen, vorne kurze Haare, hinten lange. Er werde natürlich alles geben, sagt Jörg Schwanke in die Kamera. Kein Wunder, schließlich steht der Spieler der BSG Energie Cottbus vor seinem Länderspieldebüt. Er tat vor wenigen Augenblicken das, wovon jeder kleine Fußballjunge träumt: Einmal das Trikot des eigenen Landes überziehen.

Doch etwas war anders beim Debüt des Jörg Schwanke. Er würde dieses Trikot nicht noch einmal tragen, soviel stand fest. Selbst wenn er alle Zweikämpfe gewinnen, alle Pässe an den Mitspieler bringen oder vier Tore schießen würde. Schwanke wusste, dass seinem ersten Schritt in der Fußball-Nationalelf der damaligen DDR keine weiteren folgen würden. Für ihn endete die Länderspielkarriere, noch bevor sie richtig begonnen hatte. Gegen Belgien, am 12. September 1990. Danach wurde sein Team abgewickelt.

Es kommt recht selten vor im Weltfußball, dass eine komplette Nationalelf einfach aufhört zu existieren. Trikots, Trainer, Spieler – alles weg. Einfach so. "Mir war das damals gar nicht so bewusst. Ich war einfach nur aufgeregt", sagt er heute. "Aber wenn man mal drüber nachdenkt: Ein Debüt zum Abschied – total abgefahren!"

Ursprünglich sollte es im Spiel gegen Belgien um die Qualifikation zur Europameisterschaft 1992 gehen. Doch der Lauf der Geschichte machte aus der Partie ein Freundschaftsspiel. Ein Spiel, aus dem Fußballgeschichte wurde. Am selben Abend unterzeichneten Politiker in Moskau den Zwei-plus-vier-Vertrag. Drei Wochen später gab es die DDR nicht mehr.

So war es eine fast surreale Atmosphäre, in diesen Tagen in Brüssel. Es war schlicht kaum jemand da. Als der Trainer Eduard Geyer zum letzten Auftritt lud, sagten 24 Spieler ab. Viele bekamen ihre lang ersehnten D-Mark-Gehälter längst von finanzkräftigen Bundesligavereinen ausgezahlt. Die Fußball-Idole der Nation hatten Angst, sich in einem unwichtigen Spiel für ihr ohnehin untergehendes Land zu verletzen. Sie hießen Ulf Kirsten, Andreas Thom, Thomas Doll, Rico Steinmann. "Das war wirklich traurig. Der einzige, der rüberkam, war Matthias", sagt Jörg Schwanke.

Als Matthias Sammer, damals angestellt beim VfB Stuttgart, heute DFB-Sportdirektor, am Treffpunkt in Kienbaum ankam und in die Runde blickte, sah er nur 13 Kollegen. Die meisten jung und unerfahren, wie Schwanke. Sammer wollte gleich wieder umkehren, doch es ging kein Flugzeug mehr. Sammer musste mit nach Belgien, auf der Ersatzbank saßen so immerhin zwei Feldspieler.

Dabei war das Team der DDR damals vielleicht so gut wie nie zuvor. Ein paar Monate zuvor gewannen sie in Schottland, in Rio de Janeiro holten sie gegen Brasilien gar ein 3:3. Und fast hätte sich die Mannschaft auch für ihre zweite WM qualifiziert. Als im November 1989 aber die Nachricht vom Mauerfall ins Trainingslager drang, wurde das Üben für das entscheidende Qualifikationsspiel gegen Österreich zur Nebensache. Sechs Tage später ging die Partie mit 0:3 verloren. "Der Mauerfall hat uns die WM-Qualifikation gekostet", sagte Eduard Geyer einmal.