ZEIT ONLINE: Herr Littmann, Beispiel Stuttgart 21, Beispiel Thilo Sarrazin: Ist die Gesellschaft im Sommer 2010 gespalten?

Corny Littmann: Klar, die Unterschiede sind doch faktisch vorhanden. Deshalb werden die Proteste wie etwa gegen Stuttgart 21 immer weiter wachsen. Mittlerweile hinterlässt eine Krise auch im Bürgertum Spuren. Es ist nicht nur eine kleine Gruppe, die von Einschnitten, Sparmaßnahmen in der unmittelbaren Umgebung betroffen sind.

ZEIT ONLINE: Müssen wir in Hamburg oder Berlin Straßenschlachten befürchten?

Littmann: Ich wäre mir nicht so sicher, dass wir auf Dauer keine Proteste erleben. Bislang hat sich der Widerstand höchstens in Wahlergebnissen ausdrückt. Die eigentliche politische Gefahr, besteht darin, dass ein Populist wie Thilo Sarrazin plötzliche eine Zustimmung bekommt, die ihm politisches Gewicht bei Wahlen verleiht.

ZEIT ONLINE: Ist Sarrazin mit seinen bewussten Provokationen nicht einfach eine weitere Sau, die durchs Mediendorf getrieben wird?

Littmann: Wenn ein Unmut, der vorhanden ist, ein Sprachrohr findet, kann das Auswirkungen haben. Ich habe gerade Umfrageergebnisse gesehen, wonach 95 Prozent der Menschen sagen, dass Sarrazin mit seinen Äußerungen nicht zu weit geht. Das finde ich schon bedenklich. Thilo Sarrazin ist eine klügere Ausprägung von Ronald Schill, den wir in Hamburg hatten.

ZEIT ONLINE: Zeigt das Beispiel Schill nicht, dass ein Rechtspopulist wie er am Ende nicht weit kommt?

Littmann: Schill war mehrere Jahre Innensenator und zweiter Bürgermeister in Hamburg. Er hat es schon sehr weit gebracht. Dass er letztlich an dummen Äußerungen gescheitert ist, sagt nicht, dass ein anderer Rechtspopulist mit mehr Geschick es nicht zu mehr Erfolg bringen könnte.

ZEIT ONLINE: Wie gefährlich ist Sarrazin?

Littmann: Sarrazin ist gefährlich, weil er lange in dem politischen System tätig war und sich auf allen Ebenen der Verwaltung, der Behörden, der Politik bestens auskennt. Schill ist ein politischer Quereinsteiger gewesen. Sarrazin war lange Jahre Senator in Berlin.

ZEIT ONLINE: Dennoch: Nach der Buch-PR, den Auftritten Sarrazins in den Talkshows – der Typ ist vielleicht auch nur ein Medien-Sommerloch-Phänomen.