Das Pervitin-Wunder von Bern?

Freiburg und Doping, die Verbindung ist bekannt. Die Sportmediziner aus dem Breisgau halfen unter anderem den Radsportlern des Team Telekom Jahr für Jahr durch Frankreich. Wie weit die Tradition der Freiburger Dopingpraxis aber zurückreicht, wissen nur Wenige: Schon 1954 forschten Oskar Wegener und Herbert Reindell an verschiedenen Amphetaminen. Sie fanden heraus, dass Pervitin mit durchschnittlich 23 Prozent Leistungssteigerung die beste Wirkung habe. Die Forschung landete für fünf Jahre im Giftschrank, wurde erst 1959 in einer verharmlosten Version veröffentlicht.

Pervitin, 1938 auf den Markt gekommen und im Zweiten Weltkrieg massenhaft eingesetzt, sollen auch die Fußball-Helden von Bern bei ihrem WM-Titel 1954 bekommen haben. In einer Diplomarbeit aus dem Jahr 1959 wird beschrieben, dass im Radsport Mittel wie Pervitin, Strychnin, Arsen und Testosteron schon damals massenhaft verbreitet waren. Der Bund Deutscher Radfahrer habe davon gewusst, die Augen jedoch vor den Problemen verschlossen. Hört man dem Sporthistoriker und Journalisten Erik Eggers zu, erkennt man die Parallelen zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Gemeinsam mit Kollegen aus Berlin und Münster arbeitet Eggers am dreijährigen Forschungsprojekt "Doping in Deutschland". 500.000 Euro des Bundesinstitutes für Sportwissenschaft stehen zur Verfügung, um die west- und gesamtdeutsche Dopinggeschichte von 1950 bis heute zu erforschen. Den Anstoß dazu hatte der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) gegeben.

Am Montag präsentierten die Gruppen in einem kleinen Hörsaal an der Uni Leipzig die ersten Ergebnisse ihrer Arbeit. Die historische Dopingentwicklung wird aus allen möglichen Perspektiven betrachtet: ethisch, politisch, medial, rechtlich, soziologisch oder medizinisch. Wie hat sich Doping in Deutschland entwickelt? Welche Einflüsse hat es in welchen Phasen gegeben? Wie wurde Doping zur jeweiligen Zeit gesehen?

Die Forscher stellten vor, dass bis 1969 Dopingskandale in den Medien zwar schon Thema waren, zum Beispiel im italienischen Fußball, dass dies in Deutschland aber kaum eigene Recherchen ausgelöst hatte. "Auf den Verbänden lastete noch kein massiver Druck, gegen das Dopingproblem vorzugehen", sagt Henk Meier aus Münster. "Die Lösung des Problems wurde ihnen noch zugetraut."

Neben dem Studium frei zugänglicher Quellen versuchen die Forscher verschiedene Archive zu öffnen. So konnte Sporthistoriker Giselher Spitzer die Mitschrift eines brisanten Treffens präsentieren: Der Präsident eines olympischen Fachverbandes hatte schon 1968 mit Medizinern den Nutzen von Anabolika diskutiert. Und für deren Einsatz geworben. Spitzer und die anderen hoffen nun, obwohl viele Zeitzeugen verstorben sind oder seit Jahrzehnten zur Thematik schweigen, weitere Beteiligte zum Reden zu bringen.

Trotz der Ergebnisse: Die Vorstellung des Zwischenberichts am Montag wirkte überstürzt. Eine Präsentation zu diesem Zeitpunkt war zu Beginn des Projektes ursprünglich nicht vorgesehen. Aufgrund des großen öffentlichen Interesses und der immer wieder aufflammenden Kritik hatten sich die Verantwortlichen von DOSB und Bundesinstitut für Sportwissenschaft aber doch für ein öffentliches Zwischenfazit entschlossen.

"Wissenschaftlich drittklassig"

Heftige Kritik hatte es bereits gegeben, als das Projekt vor fast zwei Jahren ausgeschrieben worden war. Dopingexperte Karl-Heinrich Bette hatte diese als "wissenschaftlich drittklassig" bezeichnet, viele Interessen seien in der Ausschreibung vermischt worden. Dem widersprechen die Beteiligten zwar, allerdings sagte der Münsteraner Michael Krüger in Leipzig erneut, dass man von dem Projekt nicht zu viel erwarten dürfe. Man könne nicht die komplette Dopinggeschichte Deutschlands aufklären. Das wirkt ein wenig, als wolle Krüger sich schon im Vorfeld vor einem möglichen Fehlschlag schützen.

Krüger steht derzeit ebenfalls wegen eines anderen Projektes in der Kritik: Er soll Forschungsergebnisse zur Nazi-Vergangenheit von Carl Diem falsch dargestellt haben. Der Sporthistoriker Frank Becker erhebt in der Frankfurter Rundschau und im Spiegel schwere Vorwürfe: Becker hatte herausgefunden, dass Diem noch 1945 vor Hitlerjungen eine Rede mit Durchhalteparolen gehalten und diese somit wohl sinnlos in den Tod geschickt habe. Krüger habe als Vorsitzender des Projektbeirates gemeinsam mit seinem mittlerweile emeritierten Ziehvater Ommo Grupe, einem einflussreichen Sportpädagogen aus Tübingen, die Ergebnisse Beckers ignoriert und Carl Diem einen Persilschein ausgestellt, der "mit meinen Forschungsergebnissen unvereinbar" ist, wie Becker dem Spiegel sagte. Krüger weist diese Vorwürfe zurück und nennt eine Verknüpfung der Vorwürfe mit dem aktuellen Dopingprojekt "infam".

Nach der Projektausschreibung war vor über einem Jahr auch die Projektvergabe an die beiden Forschergruppen aus Münster und Berlin bemängelt worden. Sie waren die einzigen Bewerber, beide waren von den eingesetzten Gutachtern negativ bewertet worden. Letztlich wurden ihre Anträge zusammengelegt. Noch vor Beginn der Arbeit versuchte der DOSB den Eindruck zu erwecken, die Entschuldung seiner belasteten Dopingtrainer im vergangenen Sommer habe mit dem Dopingprojekt zu tun. Eine PR-Maßnahme, die mehr Glaubwürdigkeit gekostet, als gebracht hat.

Schließlich trat im Frühjahr mit dem Sportpädagogen Gerhard Treutlein auch noch ein prominentes Mitglied des wissenschaftlichen Beirates unter Protest zurück. Treutlein war am Montag in Leipzig anwesend, allerdings nur als interessierter Zuschauer und unbequemer Fragesteller.

Ist das Projekt nun also eine Alibi-Forschung? DOSB und Bundesinstitut für Sportwissenschaft haben in Leipzig noch einmal vollständige Transparenz zugesichert. Der Direktor des Bundesinstitutes Jürgen Fischer versprach eine "vorbehaltlose Offenlegung sämtlicher Akten und Fakten" und eine freie Forschung. Sporthistoriker Spitzer kündigte an, auch die verschiedenen Beziehungen westdeutscher Sportmediziner untereinander aufzuarbeiten.

Politisch wirklich interessant wird das Projekt ohnehin erst in den kommenden zwei Jahren. Die Akteure der bislang erfolgten Forschung leben fast alle nicht mehr. Die aktuelleren, brisanteren Themen folgen noch. Das Projekt steht auf dem Prüfstein, wenn noch aktive Funktionäre und Wissenschaftler in Misskredit geraten könnten. Allerdings betonte Direktor Jürgen Fischer in Leipzig lieber gleich zu Beginn: "Wir wollen keine Skandalisierung einzelner Personen."