Wie gewann der spanische Radprofi Alberto Contador die Tour de France? Verließ er sich dabei allein auf die Kräfte seiner Muskeln und das Volumen seiner Lungenflügel? Oder half er mit Mitteln aus den Laboren findiger Mediziner und Chemiker nach? Die Enthüllungen vom vergangenen Donnerstag legen dies nahe: In Contadors Blut fanden die Fahnder das Kälbermast- und Dopingmittel Clenbuterol. Und sie machten einen weiteren Fund: Plastikrückstände – für Experten ein Indiz für Blutdoping.

Nach Angaben der New York Times stammen die auffälligen Werte nicht nur von Proben vom 21. Juli, sondern auch vom Tag davor, dem letzten Ruhetag der diesjährigen Tour de France. In beiden Fällen extrahierte das Dopinglabor in Köln nicht nur Spuren von Clenbuterol – das Leistungssteigerungsmittel wurde bereits der deutschen Leichtathletin Kathrin Krabbe zum Verhängnis – sondern auch kleinste Teilchen von Kunststoff.

Spuren von kunststoffähnlichen Resten sind häufig nach Bluttransfusionen zu finden. Diese Rückstände, auch Weichmacher oder Diethylhexylphthalat genannt, könnten von einem Plastikbeutel mit Eigenblut stammen.

Konkret handelt es sich um die chemische Substanz Plasticizer, die besonders in Blutbeuteln vorhanden sind, um sie geschmeidig zu halten. Wie die US-Zeitung ausführt sei der Wert in Conatdors Urin aus der Probe vom 20. Juli achtmal höher gewesen als der zulässige Grenzwert. Die New York Times beruft sich dabei auf einen Informanten, der die Testergebnisse kenne.

Damit gerät der inzwischen suspendierten Radprofi  immer mehr in Erklärungsnot – trotz seiner steten Unschuldsbeteuerungen. Schon nach den ersten Meldungen über mögliches Blutdoping hatte Contador "kategorisch" bestritten, eine Transfusion erhalten zu haben. Die Spekulationen bezeichnete sein Sprecher Jacinto Vidarte als "Science Fiction". Der dreimalige Tour-de-France-Sieger besteht auf seiner Argumentation, wonach verunreinigtes Kalbfleisch die Ursache für die positiven Proben ist.

Der Madrilene beklagt zudem, wie sein Noch-Team Astana und auch die Öffentlichkeit mit dem Fall umgehe. Die Medien "haben den Respekt vor mir verloren und meine Familie nachts mit Anrufen belästigt", sagte der 27-Jährige. Sein Rennstall, den er im Winter verlassen wird, habe sich nach den Enthüllungen nicht bei ihm gemeldet. "Ich habe überhaupt gar keinen Kontakt zu irgendjemand. Es besteht keine Kommunikation, rein gar nichts."

In der Branche stößt vor allem das Verhalten des Weltverbandes UCI in der Causa Contador auf Unmut. Medieninformationen zufolge habe dieser den Profi bereits am 24. August über die positive Dopingprobe informiert, die Öffentlichkeit aber lange in Unkenntnis gelassen. Demnach hatten der UCI und sein Präsident Pat McQuaid ursprünglich auch gar nicht vor, die Erkenntnisse über ihren Superstar publik zu machen.

"Das ist natürlich eine himmelschreiende Ungerechtigkeit", klagte Stephan Flock, Sprecher des Teams Milram und verwies auf den jüngsten Dopingfall im eigenen Team. Der deutsche Rennstall – der sich im Winter endgültig aus dem Radsport zurückziehen wird – habe nach dem Hinweis der UCI auf einen positiven Epo-Test bei seinem Fahrer Roy Sentjens gerade einmal 45 Minuten Zeit gehabt, die Öffentlichkeit zu informieren. Contador dagegen, der in der vorigen Woche vor die Presse getreten ist, hätte für die Vorbereitung seiner Verteidigungsstrategie wesentlich mehr Zeit gehabt.

Dabei kann sich der Spanier offenbar auch weiterhin der Unterstützung des Weltverbands sicher sein. Wie die Madrider Zeitung El País berichtet, soll UCI-Boss McQuaid dem Präsidenten des spanischen Radsportverbandes versichert haben, dass man nach einer diskreten Lösung suche. Innerhalb der nächsten acht bis zehn Tage solle die peinliche Angelegenheit vom Tisch sein, habe der Ire am Rande der Straßen-WM in Australien im internen Kreis mitgeteilt.

Offenbar soll der Toursieger, der schon 2006 mit dem Dopingsystem des Madrider Arztes Eufemiano Fuentes in Verbindung gebracht worden war, nur für drei Monate gesperrt werden. Dies hätte für den Profi kaum direkte Konsequenzen, da der Radprofi derzeit ohnehin Ferien macht und in seiner Vorbereitung für die kommende Saison nicht beeinträchtigt werden würde. Für Contador kommt aber auch diese vergleichsweise milde Strafe nicht in Betracht: "Ich bin völlig unschuldig. Weshalb sollte ich da eine Sperre akzeptieren?"