Auf dem Weg zum Berliner Olympiastadion musste auch dem letzten Besucher klar werden, dass es ein besonderes Heimspiel werden würde. Es ging gar nicht um die unzähligen roten Trikots, roten Trainingsanzüge und die um Körper gehüllte roten Halbmondfahnen. Nein, viel ungewöhnlicher war die kulinarische Revolution. Zwischen die obligatorischen Currywurst-Stände quetschte sich plötzlich exotische Konkurrenz. Ein kleiner Imbiss, der Sucuk feilbot. Eine türkische Wurst aus Rind- und Lammfleisch, kräftig gewürzt mit Cayennepfeffer, Knoblauch und Kreuzkümmel.

Die Spieler der deutschen Nationalmannschaft werden vor dem Spiel nicht genascht haben. Dass dieses Spiel ein außergewöhnliches werden würde, merkte Joachim Löws Mannschaft trotzdem – nämlich, als sie zu Beginn ihres Aufwärmprogramms die ersten Schritte auf den Berliner Rasen setzte. "Wir haben gesehen, was wir erwartet haben. Dass die türkischen Fans die Mehrheit stellen", sagt Joachim Löw. "Das war schon fast sowas wie ein Auswärtsspiel."

Wahrhaftig war die komplette Westkurve des Olympiastadions in Rot gehüllt. Sarrazins Albtraum. Zehntausende türkische Fans, viele in Deutschland geboren, sangen und sprangen und hüpften und klatschten.

Spätestens in der 79. Minute aber wurden sie leiser. Einer, den sie als Abtrünnigen bezeichnen, hatte durch sein 2:0 das Spiel entschieden. Vor der Partie musste Mesut Özil unzählige Fragen über sich, seine Familie und die Wahl seines Nationaltrikots beantworten. Er mochte das nicht. Die Pfiffe, die schrill aus der türkischen Kurve klangen, sobald er am Ball war, wird er auch nicht gemocht haben. Aber hier war Özil wenigstens da, wo er am Liebsten ist – auf dem Fußballplatz.

Und so trabte Özil auch gegen die Türkei wieder über das Feld. Schleppend scheinbar, um dann im nächsten Augenblick geschmeidig wie eine Großkatze anzutreten. Özils Spiel ist eine einzige sanfte Bewegung, vom Anpfiff bis zum Abklatschen bei der Auswechslung. Vor dem 2:0 schickte ihn Lahm auf die Reise in Richtung gegnerisches Tor, Özil verwandelte so unaufgeregt, als würde er jeden Tag ein Tor gegen das Land seiner Väter erzielen.

Letztendlich war es dieser Treffer, der dafür sorgte, dass die deutsche Nationalelf das ereignisreiche Jahr 2010 beruhigt ausklingen lassen kann. Mit dem 3:0-Erfolg gegen die Türkei sind alle Skeptiker widerlegt, die bei einigen Auswahlspielern so etwas wie eine geheimnisvolle WM-Müdigkeit diagnostiziert haben wollen. Schließlich laufe es für ein Gros der Spieler beim FC Bayern im Moment nicht so gut, von den Sorgenkindern aus Gelsenkirchen und Köln ganz zu schweigen, Und auch die bisherigen Qualifikationsspiele gegen Belgien und Aserbaidschan ließen doch keine endgültigen Rückschlüsse auf das derzeitige Leistungsvermögen zu.

Das Spiel wischte die Überlegungen dieser Art eindrucksvoll fort. Zwar braucht die Mannschaft in jeder Hälfte des Spiels einige Minuten, um in die Partie zu finden. Dann war das Löw´sche Spiel aber doch wieder zu erkennen. Nach der Balleroberung ging es auf dem direktesten möglichen Weg Richtung Tor. Die deutsche Elf zelebriert wahrscheinlich den rasantesten Fußball der Welt, tut sich nur ab und an mit der Verwertung ihrer Möglichkeiten schwer.