Katrin Müller-Hohenstein wusste, was kommt. Viele gelbe Merkzettelchen ragten aus dem Opus – sie hatte sich vorbereitet, wie man das macht als ordentliche Moderatorin. Die geladenen Gäste hatten noch nichts in der Hand. Waren brav in Schuhbecks Südtiroler Stuben in München marschiert, vorbei am Stapel mit den originalverpackten Büchern, hatten in geblümten Fauteuils Platz genommen und ein wenig den Stuck an der Decke bewundert. Auf die Bombe waren sie nicht gefasst.

Die ging schon wenig später hoch – in Form des zweibändigen Buches von Louis van Gaal. 280 Seiten Biografie, 162 Seiten Vision – zusammen ein schmucker Schuber, drei Kilo Sprengstoff.

Im vergangenen Herbst hatte van Gaal dieses Buch schon einmal vorgestellt: im niederländischen Original. Ein gewaltiger Auflauf vor ebenso gewaltiger Kulisse: in der Amsterdam Arena. Die intimen Einblicke in sein Privatleben sind in der deutschen Übersetzung also nicht neu.

Dem Original hat van Gaal zwei Kapitel angefügt, zwei Kapitel über seine ersten Monate beim FC Bayern. Das erste heißt: "FC Bayern, der Herbst", das zweite "FC Bayern, der Lauf". Katrin Müller-Hohenstein, die van Gaal bei seinem ersten Besuch im Sportstudio mit seiner Offenherzigkeit wirkungsvoll bezirzt hatte und die nun gerne bei der Buchvorstellung behilflich war, hatte einen ihrer gelben Zettel an der richtigen Stelle gesetzt.

Als sie zu lesen anfing, saß die Münchner Führungsriege keine zwei Meter entfernt in Reihe eins: der Präsident Uli Hoeneß, der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge, sein Stellvertreter Karl Hopfner, der Marketingchef Andreas Jung sowie der Hoeneßnachfolger und Sportdirektor Christian Nerlinger.

Müller-Hohenstein las auf Seite 167: "Eine professionelle Forderung von mir ist: jederzeit on speaking terms bleiben. Niemand darf sich zum Kind machen, das trotzt, weil es nicht Recht bekommt und sich bei anderen ausheult. Beim FC Bayern sind die Voraussetzungen in dieser Hinsicht ungünstig. Franz Beckenbauers Meinung hat den Rang göttlicher Offenbarung, und auch im Vorstand sitzen Ex-Stars wie Rummenigge und Hoeneß, die für die heutigen Stars ein offenes Ohr haben. Das hat schon etwas Schönes, doch ich halte es für den falschen Umgang."

"Es widerspricht meiner Philosophie", trug die Moderatorin vor und fuhr fort: "Leider muss ich das als die Kultur dieses Klubs hinnehmen. Diese Leute sind es immer gewöhnt gewesen, ihren Einfluss zu haben. Es gefiel ihnen gut, ihren Draht zu den Spielern zu haben. Der Vorstand setzt sich hauptsächlich aus Ex-Spielern zusammen, die den FC Bayern zu seiner Größe geführt haben. Rummenigge und Hoeneß sagten: ,Louis, wir tun das doch alles auch für dich, da kannst du doch nicht allein entscheiden.‘ Ich antwortete: ,Doch, ich kann.‘ Wenn Spieler riechen, dass sie irgendwo ein offenes Ohr finden können, dann werden sie dort hingehen. Das schafft Unruhe, das kostet viel wertvolle Energie, auch für Hoeneß und Rummenigge."