Carl Diem, Sportpionier oder Nazi?

Es ist die Gretchen-Frage des deutschen Sports. Wie würdigt man angemessen einen Mann, der die Olympischen Spiele 1936 in Berlin organisierte, der das Sportabzeichen einführte, der als Initiator der deutschen Sportwissenschaft gilt? Einen Mann, der aber auch den nationalsozialistischen Machthabern im "Dritten Reich" diente und zum Ende des Zweiten Weltkriegs 14-jährige Pimpfe mit einer Rede in den sinnlosen "Endkampf" um Berlin schickte?

Im Umgang mit Carl Diem, der von 1882 bis 1962 lebte, wird über das kulturelle Erbe des deutschen Sports befunden. Deshalb wird die Debatte um seine Person seit vier Jahrzehnten mit großer Leidenschaft geführt. In den vergangenen Monaten eskalierte dieser Historikerstreit noch einmal – ironischerweise ausgehend von einer wissenschaftlichen Diem-Biographie. Eigentlich sollte diese Arbeit alle drängenden Fragen beantworten.

Das Urteil des Verfassers, des Oberhausener Zeithistorikers Frank Becker, lässt kaum Raum für Zweifel. Diems berühmte "Sparta-Rede" im März 1945 bezeichnet er nach eingehender Analyse als "Durchhalterede". Becker wies auch antisemitische Äußerungen Diems in seinen Tagebüchern und Briefen nach. Im Kaiserreich beschimpfte Diem in Tagebucheinträgen Juden als "Semitenbande". Und schon in der Endphase der Weimarer Republik, so Becker, habe Diem seine politischen Fühler zur NSDAP ausgestreckt.

Becker belegte zudem, dass Diem bereits 1943 über den Holocaust informiert war. Und für die Zeit nach 1945 konstatiert Becker, habe Diem weder Reue gezeigt, noch sei er bereit gewesen, sich mit seinem Verhalten während der NS-Zeit auseinanderzusetzen. Stattdessen habe der Funktionär sich stets als Opfer des Hitlerregimes stilisiert und für Freunde, sogar für solche, die in der SS gedient hatten, ohne Bedenken "Persilscheine" ausgestellt.

Schon in den vergangenen Jahren bekamen Schulen, Turnhallen und Straßen, die nach Carl Diem benannt waren, andere Namen. Würzburg, die Geburtsstadt Diems, tilgte seinen Namen aus dem Stadtbild. Auch in Köln, Sitz der von Diem gegründeten Sporthochschule, setzte ein Bezirk trotz massiver Proteste seitens der Sportuniversität eine Umbenennung des Carl-Diem-Weges durch. Kein Wunder, dass sich viele Kommunen nach Erscheinen der Biographie nun erneut mit diesem Thema befassen. Kürzlich beschloss Münster, dass der Name Diem nicht als Vorbild taugt.

In Auftrag gegeben wurde die neue Studie vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), der Deutschen Sporthochschule Köln und der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung. Doch trotz des eindeutigen Urteils ihres Verfasser sah deren Projekt-Beirat keinen Anlass, Straßenumbenennungen vorzunehmen. Eine Revision des Geschichtsbildes von Carl Diem sei nicht nötig, heißt es in einer zweiseitigen "Empfehlung", die nun der DOSB bei entsprechenden Anfragen verschickt. Diem sei weder Nationalsozialist, Rassist noch Antisemit gewesen, auch seien Diem keine moralisch verwerflichen Entscheidungen während der NS-Zeit nachzuweisen.

Geschöntes Geschichtsbild

Im Abschlussbericht werfen die Leiter des Projektbeirates, der Münsteraner Sporthistoriker Michael Krüger und der Sportpädagoge Ommo Grupe aus Tübingen, dem Autor der Studie, den sie einst selbst ausgewählt hatten, unwissenschaftliches Vorgehen vor. Es gelinge Becker nicht, die NS-Zeit "im Zusammenhang des gesamten Lebens und Wirkens von Diem verständlich zu machen", kritisieren sie.

Auch habe Becker die Tagebucheinträge Diems zumeist "ohne quellenkritische Distanz" ausgewertet, nicht ausreichend Zeitzeugeninterviews geführt und die Beziehungen Diems zu wichtigen anderen Sportpersönlichkeiten nicht vertieft. Im Fazit heißt es: "So gesehen erfüllt die Arbeit Dr. Beckers weder aus theoretischer Sicht noch gemessen an den methodischen Standards, die heute an eine wissenschaftlich fundierte Biographie gelegt werden, die Anforderungen biografischer Forschung."

Grupe und Krüger initiierten eine Tagung, um dort das Ziel des Projektes, "einen Beitrag zu einer theoriegeleiteten und vergleichenden Biografiegeschichte besser realisieren zu können". Die wird nun am Freitag und Samstag an der Kölner Sporthochschule unter dem Titel "Erinnerungskultur im deutschen Sport. Carl Diem und andere 'große Männer' der Sportgeschichte" stattfinden. Bizarr: Becker, der Auslöser der neuen Kontroverse, wurde nicht eingeladen.

Becker sieht sich in diesem Historikerstreit als Opfer einer geschichtspolitischen Kampagne seitens der Sportwissenschaft, obwohl er prominente Kollegen auf seiner Seite weiß. Der renommierte NS-Historiker Hans-Ulrich Thamer etwa nennt die Kritik seines Münsteraner Kollegen Krüger "absurd".

Auf die Frage, weshalb Krüger und dessen Ziehvater Grupe die Arbeit Beckers mit einem solchen Furor kritisieren, hat der Berliner Historiker Ralf Schäfer eine Antwort. Er wirft Krüger, Grupe und dem DOSB in einem Aufsatz in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft vor, das wissenschaftliche Ergebnis zu disqualifizieren, weil es erinnerungspolitischen Absichten zuwiderlaufe. Überhaupt basiere die DOSB-Erinnerungspolitik auf einem geschönten Geschichtsbild und tradiere längst überholte undemokratische Normen, so Schäfer. Der Konflikt um Diem mache deutlich, dass eine umfassende Neubestimmung der Geschichte des deutschen und olympischen Sports noch ausstehe.