Selten nur hat Doris Fitschen alle Tassen im Schrank. Was daran liegt, dass ein Teil ihres Geschirrs einfach zu begehrt ist. Jeder will es sehen. "Sie auch?", fragt sie und hievt ein ungeöffnetes Päckchen auf ihren Schreibtisch. "Das war gerade bei einem Fotografen, für irgendein Projekt." Sie reißt es auf. Sechs Teller, sechs Unterteller, sechs Tassen, Porzellan von Villeroy und Boch, mit gelben Schmetterlingen und blauen Blümchen. Es ist vielleicht das berühmteste Kaffeeservice der deutschen Sportgeschichte, schön ist es nicht.

1989 wurde die Frauenfußball-Nationalelf Europameister, mit Doris Fitschen. Es war der erste Titel für den deutschen Frauenfußball, ein Durchbruch, den der Verband großherzig mit dem Kaffeeservice belohnte. Das war so kurios, dass das Porzellan seitdem herumgereicht wird, zeigt es doch, wie es einmal war im Frauenfußball. Und wie er sich verändert hat.

Man könnte auch einfach Doris Fitschen fragen. Schließlich war sie immer irgendwie dabei. Für die Nationalelf spielte sie bei der ersten EM, der ersten WM, bei den ersten Olympischen Spielen und stand am Gründungstag der Bundesliga auf dem Platz. Jetzt ist sie Teammanagerin der DFB-Elf bei der Heim-Weltmeisterschaft 2011. Es ist das Turnier, das den Frauenfußball hierzulande endgültig auf die Liste der ernstzunehmenden Sportarten setzen soll. Vom Schreibtisch aus führt Doris Fitschen fort, was sie einst mit den Stollenschuhen am Fuß angestoßen hat.

Sie kann das. Fitschen dachte schon als Sportlerin über den Spielfeldrand hinaus. Sie war eine der wenigen Fußballerinnen mit eigenem Ausrüstervertrag, eigenem Manager. 2001 zog es sie in die US-amerikanische Profiliga, und spätestens dort, zwischen Werbeauftritten im Supermarkt und Showtrainings mit neunjährigen Soccer-Girls erkannte sie, dass man über sich reden muss, um im Gespräch zu bleiben.

Ihr Problem ist, dass einige der heutigen Spielerinnen nicht reden wollen. Sie wollen nur spielen. Die Pionierarbeit, die Fitschen und ihre Mitspielerinnen einst leisten mussten, ist für die jungen Spielerinnen so weit weg wie Fritz Walter für Mesut Özil. Doch die Marketing-Strategie, mit der sie beim DFB die WM im kommenden Sommer zum Erfolg machen wollen, hat viel mit Personen zu tun. So kennt es Fitschen aus den USA. Bald wird es eine WM-Barbie im Deutschland-Trikot geben. Vor allem Familien und Kinder sollen ins Stadion kommen. Die schauen eher auf bunte Schuhe und das Maskottchen als auf das 4-2-3-1 oder die Doppelsechs.

Es liegt dann an Doris Fitschen, ihre Stars zu jener Gala oder diesem Werbeauftritt zu überreden. "Ich wünsche mir von den Spielerinnen, dass sie diese Chance mitanpacken. Wir sind noch nicht da, wo wir hinwollen und die Spielerinnen haben auch Verantwortung für nachfolgende Generationen." Für die Heutige ist Frauenfußball selbstverständlich, Doris Fitschen musste sich vieles noch erkämpfen.

Sie kommt aus einem 15-Seelen-Dorf in Niedersachen, lebte dort mit ihrer Familie und 40 Kühen, 600 Schweinen und ein paar Hühnern. Als Kind ging sie oft in den Stall und kletterte auf "Primel", ihre Lieblingskuh. Manchmal, wenn ihre Freunde im Sommer schwimmen waren, musste sie Stroh pressen oder Kühe melken. "Ich kann anpacken", sagt sie. In Frankfurt hat sie sich ein Grundstück gepachtet, auf dem Sachsenhäuser Berg, ohne Strom und Wasser. Sie entspannt dann beim Rasenmähen oder Holzhacken.