Kein Publikum, so ist es in den offiziellen Berichten der Veranstalter vermerkt. Während der Olympischen Winterspiele 1984 in Sarajevo verfolgte kein Zuschauer die Biathlon-Wettbewerbe. Einige wenige Schaulustige werden dennoch dabei gewesen sein. Aber dass man es mit der Statistik nicht so genau nahm, zeigt, welch geringen Stellenwert der Kombinationswettkampf aus Langlauf und Schießen damals hatte. Als im vergangenen Jahr der Biathlon-Weltcup in der Ski-Arena Oberhof Station machte, zählten die Veranstalter an fünf Tagen 102.000 Besucher.

Andreas Lauterbach hat 1994 zum ersten Mal Regie bei einem Biathlon-Rennen geführt. "Damals wurde noch längst nicht jedes Biathlon-Rennen im Fernsehen gezeigt", sagt er. Die derzeitige Popularität des winterlichen Vielseitigkeitssports erklärt Lauterbach damit, dass in einem Rennen "plötzlich ein Sportler, dessen Namen die meisten Zuschauer womöglich noch nie gehört haben, von weit hinten auf die vorderen Plätze vorstoßen kann". Das ist möglich, weil sich die Favoriten beim Schießen Strafrunden oder Strafzeiten (je nach Disziplin) einhandeln können. Wie leicht die Stars straucheln, zeigte sich während des letzten Biathlon-Weltcups im alten Jahr, als die Doppel-Olympiasiegerin Magdalena Neuner trotz der besten Laufzeit auf der 15-Kilometer-Distanz nur Achte wurde – wegen vier Fehlschüssen.

Beim Biathlon gebe es oft Situationen, die dramaturgisch vergleichbar seien mit einem Fußballspiel, in dem eine Mannschaft 1:0 führt und dann innerhalb fünf Minuten drei Gegentore kassiert, sagt Lauterbach. "Innerhalb von Sekunden kann sich alles ändern", deshalb fessele der Sport die Zuschauer an die Bildschirme.

Zur Attraktivität des Biathlon haben zahlreiche Disziplinen beigetragen, die sich erst in den Nullerjahren etablierten. Die Verfolgung und der verwandte Massenstart erlebten ihre olympischen Premieren 2002, beziehungsweise 2006. Bei beiden Disziplinen kommt es jeweils zu direkten Duellen zwischen den Teilnehmern, und auf Duelle stehen die TV-Zuschauer. Die jüngste Erfindung, die Mixed-Staffeln, bei der ein Mann und eine Frau jeweils sechs oder 7,5 Kilometer zurücklegen, wäre ohne das Fernsehen gar nicht denkbar. Die Idee stammt vom früheren ZDF-Reporter Hermann Ohletz und vom ehemaligen Biathleten Herbert Fritzenwenger.

Obwohl das Fernsehen manche Veränderungen bewirkte: Biathlon hat schon zu einer Zeit, als sich die Medien noch nicht sonderlich für schießende Skiläufer interessierten, derart viele Reglementreformen erlebt, wie kaum eine andere Sportart. So reduzierte man die Schussdistanzen von bis zu 250 auf heute 50 Meter. Außerdem änderten sich die Zielscheiben ständig; anfangs wurde noch auf Luftballons geballert. 1960, als Biathlon erstmals zum olympischen Programm gehörte (sechs Jahre nach der Anerkennung als eigenständige Sportart durch das IOC), war die Teilnahme am Wettbewerb noch eine recht abenteuerliche Angelegenheit. "Es gab beispielsweise noch keine gesonderten Schießstände, vielmehr lagen die Positionen verteilt auf der Strecke", sagt Volker Kluge, Olympiahistoriker und Buchautor. "Da sind die Athleten in einen Wald hineingelaufen, ohne zu wissen, wann und wo sie schießen müssen." Potenzielle Fans wussten es erst recht nicht.