Bisher war es mit Menschen vom Schlage eines Felix Magath stets so: Haben sie Erfolg, schwärmen alle von der professionellen Arbeit. Geht es schief, gelten sie als unmenschliche Tyrannen. Derzeit steht Schalke auf Platz elf, es wäre leicht, die schlechte Stimmung auf den Misserfolg zu schieben. Aber es wäre falsch. Schalke steht im Achtelfinale der Champions League, im Halbfinale des DFB-Pokals, und in der Liga haben sie dem künftigen Deutschen Meister immerhin ein Unentschieden abgetrotzt. Das Dilemma des Felix Magath ist, dass selbst sportliches Glück  nichts an der Unzufriedenheit der Fans ändern würde.

"Gebt uns unseren Verein wieder, bevor er zu einem seelenlosen 'Allerweltsverein' verkommt! Verkauft nicht die Seele unseres Vereins!", forderten Fanvertreter am Dienstag in einem Brief an den Schalker Aufsichtsrat. Das Schreiben läuft über vor Ausrufezeichen, die Fans haben Angst um ihren Club. Wenn man so will, geht es auf Schalke gerade um die ganz großen Fragen: Gefühl oder Ratio, Geld oder Liebe, Herz oder Kopf.

Dabei geht es weniger ums Sportliche. Egal, ob Magath in eineinhalb Jahren 40 oder 34 neue Spieler engagiert hat. Egal, ob die neu verpflichteten Alten, Ali Karimi und Angelos Charisteas, jemals das Schalker Trikot überziehen werden. Und es ist auch nicht entscheidend, dass Magath vor dieser Spielzeit die beste Abwehr der Liga verkauft und Lewis Holtby und Jan Moravek verliehen hat, die in ihren neuen Vereinen teils große Spiele abliefern.

Wichtiger ist, dass Magath seinen Verein nicht versteht. "Die Schalker Philosophie ist schwer zu fassen", sagte er einmal. Zu greifen bekam er sie bis jetzt nicht, und es darf bezweifelt werden, ob er überhaupt zulangen möchte.

Magath eilt der Ruf des kühlen Sanierers voraus. Er kommt in einen Verein, bringt sein Gefolge mit und optimiert. Magath ist hart, zu sich, zu allen. Gefühle haben für ihn im Profifußball keinen Platz. Mit seiner unromantischen Einstellung wäre Magath bei den meisten Bundesliga-GmbHs an der richtigen Adresse. Im gar nicht gefühlsbetonten Wolfsburg wurde er für seine Hire-and-Fire-Politik mit anschließender Meisterschaft gefeiert. Und im durchschnittlich gefühlsbetonten Hamburg wissen sie, dass ihr neuer Trainermanagersportdirektor bereits ein Haus in der Hansestadt besitzt.

Magath und Schalke aber, das passt nicht. Weil Schalke anders ist. Es gibt Eltern, die melden ihr Kind erst beim Verein an, dann beim Einwohnermeldeamt. Es gibt erwachsene Männer, die sich weigern, die Zahl 9 auf ein Blatt Papier zu schreiben, weil der große Rivale Borussia Dortmund 1909 gegründet wurde. Sie alle leben das Besondere in ihrem Verein und teilen die Vorstellung, dass ihr Verein etwas Besonderes ist. Magath erscheinen diese Sentimentalitäten befremdlich. Er mag seine Maßanzüge.