Schmerzmittel, Anabolika und 400 Tore – Seite 1

Am Ende kam ihm sogar der eigene Name abhanden. Ronaldo, das ist derzeit vor allem der eitle Cristiano, der Fummler, der Messi-Gegenspieler, der Egoist. Ronaldo Luis Nazario de Lima gab es zuletzt nur noch mit vorangestelltem Adjektiv. Der brasilianische Ronaldo, sagten einige. Der alte Ronaldo, raunten die Nostalgiker. Der dicke Ronaldo, lästerten andere.

Unterscheidungen dieser Art werden künftig nicht mehr nötig sein ( was auch die ZDF-Sportredaktion beruhigen wird ). "Der Kopf will weitermachen, aber der Körper hält das nicht mehr aus", sagte Ronaldo am Sonntag. Einen Tag später gab der 34-Jährige seinen Rücktritt bekannt.

Bereits mit 17 Jahren war Ronaldo das Versprechen auf einen neuen Jahrhundertspieler, galt als neuer Pelé. Er trug noch eine Zahnspange, als er zwei Verträge unterschrieb, die sein Leben verändern sollten. Einen beim niederländischen Erstligisten PSV Eindhoven, den anderen mit der Sportartikelfirma Nike.

Das US-Unternehmen schickte sich gerade an, den Fußballmarkt zu erobern, und hatte Glück. Ihr brasilianischer Werbeträger wurde der Beste. Es war Ronaldos Spiel, das ihn so interessant machte. Er war vor allem schnell, meistens rannte er einfach mit dem Ball am Fuß über den Platz. So spielte er einen aus, dann den Nächsten und noch einen – Ronaldo gegen alle. Das gefiel dem Zuschauer auf dem Sofa. Seine Tempodribblings waren wie gemacht für die Highlightfilmchen der Sportsender. Der Brasilianer wurde zur Marke, doch der Preis war hoch.

Als Ronaldo als 17-Jähriger nach Europa kam, war er ein schmächtiger Junge. Zu schmal für Europas Spitzenspiele, dafür brauchte er Muskeln. In Eindhoven fingen sie an, ihn aufzubauen. "Holländische Kollegen haben mir persönlich versichert, dass ihm beim PSV Anabolika verabreicht wurden, um das Muskelwachstum zu befördern", sagte Bernardino Santi, Koordinator des Antidopingausschusses des brasilianischen Fußballverbandes, im Jahr 2008.

Ronaldos Muskeln wuchsen, die dünne Sehnen aber blieben. Eine ungünstige Konstellation. Italienische Journalisten benutzten das Bild vom Motor eines Ferrari im Gehäuse eines Fiat. Ronaldo wurde wackelig, sein Körper fing an zu streiken.

In den folgenden Jahren gab es unterhalb seiner Hüfte nur wenig Körperteile, die sich der Brasilianer nicht reparieren lassen musste. Zwei mal wurden Sehnen des rechten Knies zusammengeflickt, einmal war das linke Knie dran. Dazu gab es Muskelrisse, Zerrungen und einen Schienbeinbruch. In 18 Jahren Profifußball überwand er unzählige Verletzungen, schluckte Kreatin und womöglich auch Dopingmittel, bekam schmerzstillende Spritzen. Insgesamt verbrachte er mehrere seiner besten Jahre beim Rehatraining.

Seinen Rücktritt begründete er mit einer Schilddrüsenerkrankung

Mehrere Male stand der Stürmer im Verdacht, sich und seinen Körper zu manipulieren oder manipulieren zu lassen. Am Tag des WM-Finales 1998 bekam der bis dahin beste Stürmer des Turniers schwere Muskelkrämpfe, die an einen epileptischen Anfall erinnerten. Als sich seine Mannschaft auf den Weg ins Stadion machte, musste er ins Krankenhaus gefahren werden. Kurz vor Spielbeginn stand Ronaldo wieder in der Kabine. Er spielte 90 Minuten, eine der schlechtesten Partien seiner Karriere, Brasilien verlor verstört mit 0:3.

Noch immer ist nicht vollständig geklärt, was passiert war. Selbst zwei parlamentarische Untersuchungsausschüsse in Brasilien brachten keine Aufklärung. Die wahrscheinlichste Variante: Während der Weltmeisterschaft 1998 litt Ronaldo unter Knieschmerzen, trainierte wenig, ließ sich nur zu den Spielen fit spritzen. Nebenwirkungen dieser Medikamente sind krampfartige Anfälle. Bis heute halten sich die Gerüchte, der Sponsor Nike habe auf einen Einsatz seines Werbeträger gedrängt, es ging um das WM-Finale gegen Frankreich, ein adidas-Team.

Trotz aller Probleme schoss er in seinem Fußballerleben mehr als 400 Tore, für Vereine wie den FC Barcelona, Real Madrid, Inter Mailand und den AC Mailand. Dreimal wählten ihn Journalisten zum Weltfußballer des Jahres, zweimal wurde er Weltmeister, einmal der Albtraum von Oliver Kahn. Kein Miroslav Klose, kein Gerd Müller, niemand erzielte so viele WM-Tore wie er. Irgendwann nannten sie ihn Il Fenomenon . Eine Adlung, die keiner Übersetzung bedarf.

Als Ronaldo, der zuletzt für die Corinthians Sao Paulo spielte, am Montag seinen Rücktritt bekannt gab, begründete er seine Entscheidung auch mit seiner Schilddrüsenerkrankung. Zur Therapie müsse er Hormone einnehmen, die aber auf der Dopingliste stehen würden. Die Krankheit könne auch für sein Übergewicht sorgen, ein Wink an alle Spötter, die ihn in den vergangenen Jahren als O Gordo (Der Dicke) bezeichnet hatten. Was Ronaldo nicht erwähnte: Auch Anabolikamissbrauch kann zu Schilddrüsenschäden führen.