Seit drei Tagen trinken sich die berühmtesten Ronnies der Welt durch die glamourösen Clubs Londons. Ronnie Wood, Gitarrist der Rolling Stones, und Ronnie O'Sullivan, Snooker-Star, sind gute Freunde. Wood hat in seiner Villa ein eigenes Zimmer nur für die Billard-Variante Snooker, dem größten Kneipensport der Welt. Und wenn der Weltmeister nach der Sauftour schon mal da ist, lässt es sich auch Woods Bandkollege Keith Richards nicht nehmen, vorbeizukommen. Aber die Stones schauen nur zu. O'Sullivan spielt mit seinem Trinkkumpel und Kollegen Jimmy White. Beide haben kaum geschlafen in den vergangenen Tagen. Doch dann legen sie los wie im Rausch. In den elf Sätzen erzielt White fünf Mal mehr als 100 Punkte, O'Sullivan sechs Mal. Eine unglaubliche Leistung. "Es war das Beste, was ich je gespielt habe", erinnert sich O'Sullivan später an jene Nacht vor ein paar Jahren.

Dass der 35-Jährige ausgerechnet bei einem Privatspiel nach einem Saufgelage seine Bestform erreicht hat, ist bezeichnend. Wohl kaum ein anderer Sportler schwankt so zwischen den Extremen – im Spiel und im Leben. Nach dem Spiel in Woods Villa sagt Keith Richards nur: "Das war wie Mozart."

Vergleiche dieser Dimension sind normal für O'Sullivan. Er spiele so wie Picasso oder Van Gogh malen würden, sagt der Künstler Damien Hirst. Steve Davies, der mehr Snooker-Titel gewann als jeder andere, hält ihn für das "größte Genie aller Sportarten."

Das können selbst Laien nachempfinden, denen es schwer fällt, das hoch komplexe Spiel mit den 22 Kugeln zu verstehen. Die meisten der blassen Profis treten prüfend wie Mathematiker an den Tisch heran und spielen roboterartig ihr Programm herunter. Da kann ein Spiel schon mal vierzehn quälende Stunden dauern. O'Sullivan kann Snooker an guten Tagen mit ein paar Queue- Schwüngen in ein buntes Kaleidoskop verschiedener Muster auf grünem Grund verwandeln. Wegen seiner Schnelligkeit bekam er den Spitznamen The Rocket, aber das trifft es nicht ganz.

Eine Rakete explodiert. O'Sullivan aber gleitet um den Tisch, während die perfekten Stöße mal sanft, mal hart mit gleichmäßiger Präzision aus seinen Armen – er spielt rechts- und linkshändig – zu fließen scheinen. 1997 gelang ihm bei der WM auf diese Weise ein Maximum-Break (147 Punkte: 15 Mal Rot plus Schwarz versenkt, dann alle sechs Farbigen) in unfassbaren 5:20 Minuten – neun Sekunden pro Kugel.

Aber es gibt auch die schlechten Tage. Dann gleitet und fließt überhaupt nichts und O'Sullivans Spiel wirkt wie ein Motor ohne Öl, bevor er kollabiert. Bezeichnend ist seine plötzliche Absage der German Open, die gerade in Berlin stattfinden. Einen Tag zuvor hatte er bei einem Schaukampf noch die Zuschauer verzückt. Die Snooker-Welt rätselt vor jedem Match erneut, ob er nun einen guten oder schlechten Tag erwischt hat. Und weil O'Sullivan das selbst oft nicht zu wissen scheint, sorgen die Spekulationen über seine Form für die größte Spannung des Sports. Mit seinem Talent müsste er eigentlich die Szene dominieren wie Tiger Woods bis vor Kurzem im Golf. Er müsste viel öfter als drei Mal Weltmeister geworden sein in seinen 20 Jahren als Profi. Sein Leben war immer darauf ausgerichtet.

Schon mit zehn Jahren gilt O'Sullivan als Wunderkind und kommender Weltmeister. Sein Vater, Ronnie Senior, Inhaber mehrerer Sex-Shops im Londoner East End, erkennt sein Talent früh und tut alles für den Erfolg. Schon bald verbringt der Junge mehr Zeit am Snooker-Tisch als in der Schule. Der schmächtige Teenager mit den schwarzen Augen seiner sizilianischen Mutter bricht alle Rekorde.

Doch die Katastrophe platzt mitten hinein in seine erste Saison als Profi, die er mit 16 Jahren bestreitet. O’Sullivan spielt gerade in Thailand, als er von der Verhaftung seines Vaters hört. Der hat nach einer Kneipenschlägerei einen Mann erstochen. Weil es sich um einen Schwarzen handelt, vermutet der Richter einen rassistischen Hintergrund. Ronnie Senior kommt für 17 Jahre ins Gefängnis. Der noch nicht erwachsene Sohn muss fortan ohne seinen Mentor auf der Profi-Tour zurecht kommen.

Anfangs gelingt das sogar gut. Mit 17 Jahren gewinnt er 1993 die britische Meisterschaft, das zweitwichtigste Turnier der Welt. Doch schon ein Jahr später überlegt O’Sullivan, ganz mit dem Sport aufzuhören. "Ich spielte nicht so gut wie als Jugendlicher und da dachte ich mir, was soll das Ganze", erinnert er sich. Solche Gedanken kommen ihm immer wieder. Er nennt sie "meine Dämonen". Wenn sie da sind, macht O’Sullivan oft einen ganzen Tag lang nicht mehr als eine Tasse Tee. Klinische Depression wird bei ihm diagnostiziert.

Oft hilft ihm Snooker. Aber selbst wenn er Turniere gewinnt und die Zuschauer mit seiner Brillanz ins Staunen versetzt, reicht es nicht immer aus. Die Langsamkeit der Kollegen langweilt und die eigenen Fehler zermürben ihn. "Das ist manchmal nicht auszuhalten. Ich sehe, wie glücklich die anderen Spieler sind. Dann denke ich mir, ich bin doppelt so gut wie ihr alle und trotzdem unglücklich." Auch mit dem Sport an sich hadert er ständig. "Man verbringt den ganzen Tag im schummrigen Licht, allein mit sich und den Kugeln. Da kann man ganz schön vereinsamen." Nicht selten mündet diese Unzufriedenheit in aggressive Reaktionen. Einen Offiziellen strafte er mit Schlägen und einem Biss.

Um Gegner zu demütigen, spielt er demonstrativ mit der linken, schwächeren Hand oder bedeckt seine Augen mit einem Handtuch, während der andere am Tisch steht. Bewunderer hat er viele auf der Tour, Freunde keine.