Die Beleidigungen der twitternden Fußballer – Seite 1

Als hätten sie in Hoffenheim nicht genug Unruhe gehabt. Da ist ein Mäzen, der den besten Spieler verscherbelt. Ein beleidigter Ex-Trainer und ein Neu-Trainer, der vier Spiele für seinen ersten Sieg braucht. Vor einigen Tagen haben sich die Hoffenheimer nun noch mehr potenzielle Unruhe ins Team geholt. Der Neuzugang heißt Ryan Babel, ist 24 Jahre alt, niederländischer Nationalspieler und vorbestraft – als Twitterer.

Mitte Januar verlor Ryan Babel – damals noch im Trikot des FC Liverpool – ein Fußballspiel. Weil der Schiedsrichter nicht nur einen zweifelhaften Elfmeter für den Gegner aus Manchester gab, sondern auch Liverpools Kapitän Steven Gerrard vom Platz warf, setzte sich Ryan Babel nach dem Spiel geduscht und geföhnt an seinen Computer und loggte sich bei Twitter ein . Der Fußballer sandte eine Fotomontage an seine knapp 200.000 Follower. Darauf: der Unparteiische, im Manchester-Trikot. Dazu die Sätze: "Und den nennen Sie einen der besten Schiedsrichter. Das ist ein Witz. Ich schüttele meinen Kopf." Der englische Fußballverband fand das gar nicht lustig. Babel musste 10.000 Pfund Strafe zahlen.

In Hoffenheim wissen sie natürlich von dem Vorfall, werden ihrem Neuzugang aber nicht das Notebook oder Smartphone wegnehmen. "Es gibt derzeit keinen Anlass, den Spielern einen Verhaltenskatalog für die digitale Welt an die Hand zu geben. Wir achten aber schon darauf, ob es allgemein Entwicklungen gibt, die man den Spielern als Empfehlung weitergeben kann", sagt der Pressesprecher Markus Sieger. Das scheint auch nötig, denn wenn Sportler ihre Gedanken ungefiltert der Öffentlichkeit mitteilen, ist das eine Chance. Aber auch ein Risiko.

Twitter macht Spieler menschlicher. Eine euphorische Nachricht nach einem Sieg oder ein galliger Tweet nach einer Niederlage, schafft Nähe zwischen Spielern und Fans. Die Befindlichkeitsschnipsel unterscheiden sich dabei wohltuend von den glattgeschliffenen Statements, die sonst nur noch den Weg aus den Presseabteilungen der Vereine schaffen. Wenn der englische Nationalverteidiger Rio Ferdinand in seinen Tweets aufgeregt die neusten Entwicklungen in der britischen Kult-Soap Eastenders kommentiert, ist auch dem letzten klar: Irgendwie ist er doch einer von uns.

Mehr als andere Kommunikationskanäle birgt Twitter aber auch die Gefahr eines Kontrollverlustes. Vor wenigen Wochen beschimpften gleich drei Spieler des englischen Zweitligisten Queens Park Rangers ihren Gegenspieler El-Hadji Diouf auf übelste Weise. Marvin Morgan vom Viertligisten Aldershot Town teilte den eigenen Fans mit, dass sie doch bitte sterben mögen, weil sie ihn während eines Spiels mit Schmähungen überzogen hatten. Das gab Ärger, Morgan wechselte den Verein. Profiligen in den USA, wie die NBA, haben schon Regeln eingeführt, was getwittert werden darf, und was nicht.

Mangelnde Selbstironie kann man dem Niederländer übrigens nicht vorwerfen

Hierzulande gab es bisher noch keine Probleme. Noch nutzen nur wenige Profifußballer Twitter. Die Accounts von Per Mertesacker oder Lukas Podolski etwa wirken wie von PR-Profis betreut: zu glatt, um wirklich interessant zu sein. Etwas spannender wird es bei Lewis Holtby . Der Mainzer ist der kreativste Bundesliga-Twitterer und postet schon mal ein Foto vom Spiel seines kleinen Bruder gegen eine japanische Juniorenauswahl.

Ganz originell, aber harmlos. Nichts jedenfalls, was Tobias Sparwasser, den Pressesprecher des FSV Mainz, ins Schwitzen bringt. "Wir haben bisher noch keine negativen Erfahrungen gemacht, es gibt auch keine Vorgaben vom Verein oder Trainer", sagt er. Er sehe natürlich schon eine gewisse Gefahr, setze aber auf die Eigenverantwortlichkeit des Spielers. "Es geht hier um den allgemeinen Umgang mit dem Thema Öffentlichkeit. Und da ist es unsere Aufgabe, die Spieler zu sensibilisieren", sagt Sparwasser.

Twitter ist für die Verantwortlichen der Vereine momentan nur ein Kanal von vielen. Wenn ein Spieler nach dem Spiel vor eine TV-Kamera tritt und spontan den Schiedsrichter beschimpft, könne man auch das nicht verhindern, heißt es in der Presseabteilung eines Bundesligisten. Ob dieser Vergleich aber zulässig ist, darf bezweifelt werden.

Twitter verführt zu Schnellschüssen, weil das Gegenüber, das Korrektiv fehlt. Man muss niemanden in die Augen schauen, es gibt keinen Druck, keine Kontrolle, erst recht keine Scham. So kann es vorkommen, dass Sportler in besonders emotionalen Momenten Dinge herausposaunen, die sie vor keiner Kamera und auch keinem gezücktem Reporternotizbuch ausgeplaudert hätten. Weil Twitter gerade für junge Menschen ein immer wichtigeres Kommunikationsmittel wird, wird Ryan Babels Verurteilung wohl nicht die letzte sein.

Mangelnde Selbstironie kann man dem Niederländer übrigens nicht vorwerfen. "Bekomme Handschellen angelegt", twitterte Babel vor Kurzem. Seit dem Urteil des englischen Fußballverbandes lebe er im digitalen Gefängnis, dem "Twitterjail", wie er es nennt.