Dem Zapfhahn wird keine Pause gegönnt, "Humba täterä" klingt aus den Boxen. Vor wenigen Stunden hat ADO den Haag das große Ajax Amsterdam besiegt und damit erstmals beide Saisonspiele gegen den verhassten Rivalen gewonnen. Die Stimmung im Vereinshaus ist kurz vor dem Überkochen, als die Spieler Lex Immers und Charlton Vicento auf den Tresen klettern.

In der einen Hand ein Bier, in der anderen ein Mikrofon, stimmt Torschütze Immers ein Lied an, das die Menge sogleich begeistert aufnimmt: "Wir gehen auf Judenjagd, wir gehen auf Judenjagd!" Es ist gewöhnliche ADO-Folklore. Für manchen Den-Haag-Anhänger endet die Party mit einem dicken Schädel, für Lex Immers dagegen, so verkündet die Clubleitung am folgenden Tag, mit einer hohen Geldstrafe.

Der vermeintlich jüdische Club aus Amsterdam muss stets und überall mit Holocaust-Andeutungen der gegnerischen Fans rechnen, etwa Zischgeräuschen, die KZ-Duschen andeuten sollen, Reimen wie "Adolf, hier laufen noch elf, wenn du es nicht tust, machen wir's selbst!" oder dem Slogan "Hamas, Hamas, Juden ins Gas!", der auch auf aktuellen Videos im Internet zu hören ist.

Lex Immers' Entschuldigung zeigt die Dimension dieser makaberen Normalität. Er, selbst Hardcore-Fan des Clubs, habe sich von der Euphorie mitschleifen lassen. "Wir gehen auf Judenjagd" sei ihm als harmlose Parole erschienen. Wie in solchen Situationen üblich, beteuert der beliebte Mittelfeldspieler, habe er keineswegs Juden als Bevölkerungsgruppe gemeint, sondern eben nur den Club Ajax. 

Unklar ist, wie viel Judenfeindschaft in den Beschimpfungen liegt – und wie viel Rollenspiel. Denn die Fans aus Amsterdam nennen sich tatsächlich selbst so. "Joden" schmettern sie inbrünstig, wenn sie durch andere Städte ziehen. Davidsterne und Israelfahnen sind Standardaccessoires im Fanblock, besonders bei den Hooligans. Warum das so ist, weiß niemand genau.

Zwar war der 1900 gegründete Club selbst nie jüdisch. Sein Personal jedoch rekrutierte sich aus dem relativ hohen Anteil von Juden an der Bevölkerung Amsterdams. Spieler wie Bennie Muller und Sjaak Swart, die in den ruhmreichen 1960er und 1970er Jahren zu Ikonen wurden, und der legendäre Physiotherapeut Salo Muller, der als Talisman des Erfolgs galt, waren ebenso Juden wie der frühere Vorsitzende Jaap van Praag oder der amtierende Uri Coronel. Zudem lag das Stadion De Meer, wo Ajax zwischen 1934 und 1996 seine Heimspiele austrug, nahe einem ehemaligen jüdischen Viertel, dessen Bewohner oft zum Fußball gingen.