Er habe nichts geahnt, damals vor knapp zwei Monaten im Trainingslager, erzählt Thomas Kraft. Schon am zweiten Tag des Aufenthalts in Katar hatte Torwarttrainer Frans Hoek dem jungen Spieler bedeutet, sich am Nachmittag zu einem Personalgespräch beim Chefcoach einzufinden. "Ich dachte, er möchte mir sagen, was er von mir hält und was ich anders machen soll", erinnert sich Kraft. "Aber das Erste, was der Trainer zu mir gesagt hat, war: Herzlichen Glückwunsch, ich gratuliere Ihnen zur Nummer eins. Da war ich baff."

Louis van Gaal kann sich einiges darauf einbilden, Kraft aus der Fassung gebracht zu haben – das ist bisher den wenigsten gelungen. Dem 22 Jahre alten Torwart, der schon längst verheiratet ist, schreibt man viele Talente zu, das vielleicht ausgeprägteste ist seine Gemütsruhe. Das sagt man zwar von vielen Torhütern. Doch bei ihm muss diese Eigenschaft besonders ausgeprägt sein, so oft, wie alle, die mit ihm zu tun haben, darauf hinweisen. Mitspieler Mario Gomez bringt es auf die Formel: "Er ist sehr klar in der Birne."

Deshalb, davon ist fest auszugehen, belastet ihn das aktuelle Bayernthema Nummer eins auch eher nicht: Es geht um das Fernduell mit Nationaltorhüter Manuel Neuer, 24, das normalerweise über eine Distanz von 500 Kilometern ausgetragen wird. An diesem Mittwoch (20.30 Uhr, live im ZDF und im ZEIT-ONLINE-Live-Blog) schnurrt die Distanz auf etwa 105 Meter zusammen, so lang ist der Rasen in der Münchner Arena. Dann trifft Krafts FC Bayern im Pokal-Halbfinale auf Neuers Schalke 04. Und wenn es nach Louis van Gaal geht, sollten Kraft und Neuer sich in der kommenden Saison sogar täglich von Angesicht zu Angesicht sehen.

"Ich denke, dass Neuer sehr gut passen kann, weil wir zwei Spitzentorhüter brauchen", sagte van Gaal am vergangenen Freitag zu aller Überraschung. Denn die Winterrochade von Butt zu Kraft hatte bis dato als Bekenntnis des Trainers gegen die Verpflichtung Neuers gegolten, die die Chefs des FC Bayern am liebsten schon gestern eingetütet hätten.

Schließlich ist van Gaal auch darauf sehr stolz, dass er in der Saison 1992/1993 einem gewissen Edwin van der Sar, damals 22 Jahre alt, das Tor von Ajax Amsterdam anvertraute und dass er beim FC Barcelona als Erster den damals 20-jährigen Victor Valdes (zumindest für sechs Spiele) ins Tor stellte, das dieser heute noch hütet. Der Torwarttrainer hieß auch in diesen Fällen Frans Hoek. Nun wünscht sich van Gaal also einen Konkurrenzkampf zwischen dem nach einhelliger Meinung – zumindest in Deutschland – besten Torhüter der Welt und dem wohl meistversprechenden Talent, das den ersten Eindrücken nach schon zur nationalen Spitze gehört.