Die Linden sind zu kahlen Skeletten abgemagert. An Haus 17, einem roten Klinkerbau mit weißen Fenstern, frisst der Winter mit seinem eisigen Maul. Es ist ein langer und frostiger Winter, das Tageslicht hat Mühe sich durch die fahle Watte zu bohren, die über Hamburg liegt. Unter den Bäumen liegen Zigarettenfilter im Schnee, wie erfrorene Früchte. Auf dem Flur gehen Patienten mit toten Augen auf und ab, ohne Ziel. Draußen vor der Tür klackt ein Ball immer wieder hart auf die Holzplatte, tock tock, wie Trampolin auf dem Trommelfell. Vor der Eingangstür der Depressionsstation steht die Tischtennisplatte. Hinter der Glastür riecht es auf der Station nach Wirsingeintopf, Desinfektionsmittel und Angst.

Am 12. November, zwei Tage nach Robert Enkes Tod, lässt sich Andreas Biermann in die Psychiatrie einweisen. Auf der Depressionsstation des Klinikum Nord in Hamburg-Ochsenzoll will er sich stationär behandeln lassen. Biermann ist einer von 40 Patienten, die an Depressionen erkrankt sind oder an Angstzuständen leiden. Depressionen kennen keine sozialen Unterschiede und Klassen, keine Altersgrenzen. Die Patienten, die draußen nicht mehr zurechtkommen, sind zwischen 18 und Mitte 70. Im Klinikum werden Hausfrauen und Handwerker behandelt, Bankangestellte, Akademiker und ein Fußballprofi.

Andreas Biermann schildert beim ersten Gespräch in der psychiatrischen Notaufnahme die Probleme der letzten Jahre, die Endlosschleife an Verletzungen. Wie er in Neuruppin langsam die Kraft und den Mut verloren hat, um weiter leben zu können. Wie er wenige Wochen zuvor versucht hat, sich mit Autoabgasen das Leben zu nehmen. Er verschweigt nichts mehr. Er will "zu 100 Prozent offen sein", um geheilt zu werden. Biermann schreibt sein digitales Tagebuch, vom ersten Tag an, er will Protokollant seiner eigenen Genesung sein. Am ersten Tag tippt er in sein iPhone:

Verheimlichen und verstellen hilft nicht mehr, sondern hat zum Teil auch dazu beigetragen, dass ich jetzt hier bin. Ich will alles erzählen, auch wenn es peinlich für mich ist. Das ist gerade das Ziel dieser Sache, einmal alles so auf den Tisch zu bringen, dass es nicht mehr so belastet.

Jahrelang hatte Biermann geschauspielert, geschwindelt und gelogen, er wollte nicht, dass jemand erfährt, dass er kaum schläft und immer wieder unter starken depressiven Schüben litt, die ihm das Leben schwer machten. Wie Robert Enke hatte Biermann Angst davor, als Profi aussortiert zu werden, wenn herauskäme, dass er psychische Probleme hat. Er versuchte zu verbergen, dass er immer öfter in einer dunklen Wolke verschwand, mit zerstörerischen Gedanken.

Die Therapie soll ein Neubeginn sein, für seine Familie, für ihn. Biermann steht unter der Wirkung von Medikamenten und hat manchmal Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Biermann nimmt Tavor, ein Beruhigungsmittel, das gegen Angstzustände, Panikattacken und Depressionen eingesetzt wird. Es ist ein Notfallmedikament, schnell wirksam und mit hohem Suchtfaktor. Tavor ist beliebt bei den Patienten auf der Station, "es setzt einem so ne rosarote Brille auf und nimmt einem vorübergehend die Sorgen", schreibt Biermann.

Das Leben auf Station kommt ihm manchmal vor wie auf einer "Klassenreise oder einer Jugendherberge". Biermann wird zum Getränkedienst eingeteilt und zum Küchendienst. Es ist ein Kontrastprogramm zu seinem bisherigen Leben als Fußballer, wo ihm viel abgenommen wurde, wo ihm oft auf die Schulter geklopft wurde. Jetzt liegt Andreas Biermann in einem kleinen Doppelzimmer, sein Mitbewohner wechselt öfter mal. Biermann versteht sich nicht mit allen. Er hasst die Nähe zu Menschen, die er nicht mag, die Intimitäten, Geräusche und Gerüche, denen er nicht aus dem Weg gehen kann.