Da sage noch einer, für Hamburger Wahlen interessiere sich niemand. Ließ sich der neue Bürgermeister Olaf Scholz die Schlagzeilen über seine absolute Mehrheit noch von einer gefälschten Doktorarbeit klauen, kann das jüngste Voting aus Hamburg vom Nachrichtenwert her sogar mit Louis van Gaals Degradierung mithalten. Der Aufsichtsrat des Hamburger SV hat am Sonntag entschieden, sich zum Ende des Jahres von den beiden Vorständen Bernd Hoffmann und Katja Kraus zu trennen.

Der HSV ist eben immer für einen Knalleffekt gut. Vor allem der Aufsichtsrat, der aus zwölf ehrenamtlichen Mitgliedern besteht, die alle von den Vereinsmitgliedern gewählt sind. Dieser Rat entscheidet über den Vorstand, und zwar anhand von Zweidrittelmehrheiten, was einer kleinen Gruppe Vetostrategien erleichtert. In keinem anderen Proficlub haben die Mitglieder ein solches Maß an Mitbestimmung. Und sie nutzen es. Die Supporters, die stärkste Fraktion, machen Hoffmann seit Jahren das Leben schwer, etwa bei neuen Finanzmodellen , indirekt auch in Personalfragen. Die Basis ist stolz auf die vereinsinterne Demokratie. Doch kann man ein millionenschweres Unternehmen demokratisch führen? "Unsere Paragrafen blockieren uns manchmal", sagt Aufsichtsratschef Ernst-Otto Rieckhoff.

Vorweg: Es gibt Argumente gegen Hoffmann. Er verschleißt Trainer, gilt als selbstherrlich, bosshaft. Es soll vorgekommen sein, dass er wichtige Sitzungen um eine halbe Stunde vorverlegte und seinem damaligen Vorstandskollegen Dietmar Beiersdorfer den neuen Termin verschwieg. Christian Reichert, Vorstandsmitglied von 2000 bis 2008, sagte bei seinem Abschied: "Lieber Bernd, ohne ein Minimum an gegenseitigem Vertrauen wird es nicht funktionieren, den Verein zu einen." Dass Hoffmann als erste Handlung die Profiabteilung aus dem Rest des Vereins ausgliedern wollte (was scheiterte), verübelt ihm mancher bis heute.

Doch Hoffmanns Bilanz kann sich sehen lassen: Den Umsatz hat er deutlich erhöht. Auch wenn der ersehnte Titel ausblieb, spielte der HSV unter seiner Führung fast immer im Europapokal. Den Vorwurf, er habe lange keinen Sportdirektor und damit die ihm abgehende sportliche Kompetenz gefunden, fällt eher auf den Aufsichtsrat zurück. Das Gremium hat sich in diesem Punkt das ein oder andere Mal kräftig blamiert, zuletzt, als Rieckhoff stolz Matthias Sammer als neuen HSV-Mann vorstellte, bevor dieser kalte Füße bekam.

Dennoch ließ sich der geschwächte aktuelle Aufsichtsrat nicht bremsen, nicht einmal von dem vorauseilenden Angebot Hoffmanns und Kraus', ihre Verträge nicht wie üblich für drei Jahre, sondern nur für ein Jahr zu verlängern. Mit diesem Kompromiss wollten sie ihren Kritikern entgegenkommen.