Für einen Verlierer war Joachim Löw ausgesprochen gut gelaunt. Forschen Schrittes und mit fröhlichem Gemüt absolvierte er seinen gewöhnlichen Nach-Spiel-Marathon. Vom Platz in die Kabine, ins TV-Studio, zur Pressekonferenz, zurück in die Kabine, noch einmal zu den Journalisten und dann zum Abendessen. Jeden, den er auf diesem Weg traf, ließ er wissen, es gebe Schlimmers als ein Testspiel gegen Australien zu verlieren . Wahrscheinlich bekam das auch noch der Letzte in der Reihenfolge zu hören, der Kellner, als er Löw gerade die Vorsuppe auftrug.

Eigentlich darf eine deutsche Nationalmannschaft ja unter keinen Umständen gegen Australien verlieren. Die sportliche Leitung des DFB geht Tests dieser Art mittlerweile aber sehr frei an. Seit der Fußball-WM in Südafrika hat die Nationalelf alle Pflichtspiele gewonnen, jedoch keines ihrer Testspiele. Zu stören scheint das niemanden. "Die Jahre zwischen großen Turnieren sind da, um etwas auszuprobieren", sagte Löw. In diesen Spielen geht es darum, künftig Erfolg zu haben, nicht jetzt. Versuch und Irrtum mit Nationalhymne eben.

Dass es Fußballpräsidenten gibt, die ihre teuren Investitionen so selten wie möglich für Nationalelf-Experimente hergeben wollen, gehört dazu. Vor dem Spiel polterte Bayern-Chef Uli Hoeneß stilecht via Boulevard: Das Ganze bringe doch gar nichts. Löw schickte nach dem Spiel umgehend einen Gruß zurück an den Tegernsee. Die Nationalmannschaft lief in München schon zur Einweihung der neuen Arena und zu Oliver Kahns Abschied auf. Im kommenden Jahr werden sie wegen des Streits um Arjen Robbens Verletzung zum Testspiel wiederkommen. "Dann werde ich auch mal nachfragen, ob das Sinn ergibt", sagte Löw.

Hoeneß hatte seine Kritik damit begründet, dass es dem DFB ums Geldverdienen gehe und weniger ums Testen. Nun ist nicht bekannt, mit wie vielen Geldköfferchen der Schatzwart des DFB den Borussen-Park verließ. Aber nicht mal Hoeneß wird abstreiten: So viel Test war lange nicht. Gleich acht neue Spieler schickte Löw aufs Feld. Das Spiel der deutschen Mannschaft erinnerte an Open-Stage-Abende im Kabarett um die Ecke, an denen sich jeder, der gerade Lust hat, mal ausprobieren kann. So kletterten die Schmelzers und Schürrles und Hummels und Benders auf die Bühne und klopften vorsichtig aufs Mikro: "Test, Test, eins-zwo, eins-zwo."

Viel gewinnen – und das stellt die Sinnhaftigkeit des Löw'schen Experimentes in Frage – konnten die Neulinge nicht. Das Australien-Spiel war eine undankbare Aufgabe. Der Bundestrainer schickte schlicht zu viele neue Spieler aufs Feld. Sie mühten sich zwar redlich, konnten aber als Teil eines insgesamt wackeligen Gebildes kaum punkten. In jeder Minute der Partie gab die Mannschaft zu erkennen: Wir haben so noch nie zusammengespielt und werden es auch nie wieder tun.

Trotzdem verteidigte Löw seine Testspiel-Philosophie. "Für mich ist es wichtig, Schlüsse aus diesem Spiel zu ziehen", sagte er. Welche genau, wollte der Bundestrainer nicht verraten. Viel Positives wird er aber auch in der Einzelbetrachtung nicht gefunden haben. Zwar lobte Löw, er habe bei den jungen Spielern sehr viel Gutes gesehen. Damit stand der Bundestrainer aber allein da. Kein Glied der neuaufgefädelten Vierer-Abwehrkette konnte überzeugen. Der Debütant Sven Bender wirkte im defensiven Mittelfeld desinteressiert. Und im Sturm zeigte Mario Gomez trotz seines schönen Tores, dass er die Bälle bei weitem nicht so geschickt prallen lassen und verteilen kann wie sein Kollege Miroslav Klose.

Am Besten präsentierte sich Andre Schürrle. "Ganz große Klasse", "sehr positiv aufgefallen", "gute Wege gemacht" – das Lob des Bundestrainers fiel leidenschaftlich aus. Schürrle saß nur wenige Meter entfernt und versuchte, nicht rot anzulaufen. Der Vorbereiter des einzigen deutschen Tores war die lebende Replik auf die Kritik des Uli Hoeneß. Dieses Spiel habe ihm sehr viel gebracht. Warum? "Für Deutschland zu spielen ist immer ein Riesen-Erlebnis."

Nur 30.000 Zuschauer im Borussen-Park

Löws wichtigster und vielleicht auch einziger Schluss aus dem Australien-Spiel: Die zweite Reihe des Nationalteams genügt derzeit nicht einmal mittleren internationalen Ansprüchen. Ohne Lahm und vor allem Özil und Khedira fehlt es an Ideen, Spielfluss und Tempo. Eine Erkenntnis, immerhin, wenn auch keine schöne.

Es bleibt die Frage, was eigentlich die Zuschauer von der ganzen Testspielerei halten. Nach seinen Pfiffen von Kaiserslautern steht der DFB-Anhänger unter besonderer Beobachtung. In Mönchengladbach aber gab er sich genügsam. Früh hatte Löw angekündigt, eine B-Elf spielen zu lassen. Auch wenn auf einem hauswandgroßen Plakat in der Innenstadt mit Philipp Lahm für das Spiel geworben wurde, obwohl der das Spiel mit den Beinen auf dem Hocker und der Fernbedienung in der Hand auf dem heimischen Kanapee verfolgt haben dürfte.

So kamen nur etwa 30.000 Zuschauer in den weit größeren Borussen-Park. Die schienen durch die Erlebnisse mit ihrem derzeit erfolglosen Heimatverein ideal vorbereitet. Sie ertrugen das müde Schauspiel fast stoisch, Pfiffe gab es nur wenige. "Ich verstehe ja, dass es vereinzelt Pfiffe geben kann", sagte Löw. Bei Spielen dieser Art fehle eben die ganz große Spannung, "Und dann erwarten die Leute eben ein Spektakel". Er spuckt das Wort fast aus, "Speck-tack-el!" Ab und an gebe es nun einmal nur Alltagskost. Schwarzbrot-Atmosphäre, das trifft die Stimmung in Mönchengladbach ganz gut.

Vielleicht sollte der DFB seine Länderspielvergabepolitik überdenken. Anstatt wenig glamouröse Tests wie diesen in den fußballerisch verwöhnten Westen des Landes zu geben, könnte ein Länderspiel in Dresden, Magdeburg oder Rostock Wunder wirken. Wo die Republik nach Spitzenfußball dürstet, machen vielleicht auch Testspiele gegen Australien allen Beteiligten mehr Spaß.