ZEIT ONLINE: Herr Volz, sind Sie ein emotionaler Mensch?

Moritz Volz: Ich bin in dieser Hinsicht eher unterkühlt. Ich stand schon als Jugendnationalspieler, also mit 15 oder 16 Jahren, unter starker Beobachtung, auch wegen meines Wechsels zu Arsenal London damals. Da trainiert man sich irgendwann ein Pokerface an und möchte so wenig Emotionen wie möglich zeigen. Das geht so weit, dass es mir manchmal sogar im Alltag schwer fällt, echte Begeisterung oder krasse Enttäuschung zu zeigen.

ZEIT ONLINE: Beängstigend.

Volz: Ich habe Trainer erlebt, die einem eintrichtern: Zeige keine Emotionen, weil Emotionen ein Zeichen von Schwäche sind. Wer müde ist, soll sich ja auch nicht auf die Knie stützen, um durchzuatmen. Da sieht jeder sofort, dass man schwach ist. So ähnlich ist das mit den Emotionen: Mach dich nicht verwundbar, lass dich nicht in irgendwelche Nebenkriegsschauplätze verwickeln. Konzentriere dich auf das Wesentliche, auf das Spiel.

ZEIT ONLINE: Wann haben Sie zuletzt geweint?

Volz: Ich weine nicht täglich, aber immer mal wieder. Ich kann zum Beispiel den Zusammenschnitt meines Hochzeitsvideos immer noch nicht gucken, ohne eine Träne wegdrücken zu müssen. Obwohl ich es bestimmt schon 20 Mal gesehen habe. Vor kurzem habe ich im Fernsehen diesen Zweiteiler gesehen. Schicksalsjahre – es ging um den Krieg und die deutsche Teilung, basierend auf wahren Geschichten. Da habe ich am Ende auch geheult.

ZEIT ONLINE: Und auf dem Platz?

Volz: Das ist schon eine Weile her. Das war vor elf Jahren nach meinem verschossenen Elfmeter während der U-16-EM. Das Turnier war dadurch für uns im Viertelfinale zu Ende. Als Fan heulte ich das letzte Mal 1995, als Werder Bremen die Meisterschaft gegen Dortmund verspielte.

ZEIT ONLINE: Wie viele Emotionen braucht ein Fußballer?

Volz: Wie gesagt, wir müssen oft versuchen, uns von Emotionen freizumachen, um einen klaren Kopf zu bewahren. Von außen wird schon genug reingebracht. Man muss auch noch cool sein, wenn auswärts zwei Minuten vor Schluss eine Ecke reinkommt und das ganze Stadion den Ball ins Tor schreien will.

ZEIT ONLINE: Gelingt das?

Volz: Manchmal ja, weil man so in sein eigenes Spiel vertieft ist. Manchmal kann man sich aber auch gar nicht dagegen wehren. Dann überträgt sich die Unruhe der Zuschauer auf die Spieler. Die eine Mannschaft wird gepusht, die andere verunsichert. Das nennt man Heimvorteil.

ZEIT ONLINE: In den vergangenen Woche weinte Ihr Trainer, Holger Stanislawski, als er seinen Abschied verkündete. Dortmunds Spieler Dede weinte vor der Südtribüne und auch Manuel Neuer hatte bei seiner Pressekonferenz Tränen in den Augen. Haben Sie Verständnis für solche Emotionen?

Volz: Ich kann die Reaktion von Stani (Holger Stanislawski, d. Red.) vollkommen nachvollziehen. Ich war nach meinem Weggang von Arsenal und Fulham ein paar Mal wieder dort, saß im Stadion und überlegte, wie es damals war. Das war sehr emotional, dabei war ich nur vier, beziehungsweise sechs Jahre bei den Vereinen. Wenn ich mir überlege, dass Stani 18 Jahre bei St. Pauli war...

ZEIT ONLINE: Kann man den freiwilligen Weggang von seinem Arbeitgeber wirklich mit dem Tod seiner Mutter vergleichen, wie er es getan hat?

Volz: Ich denke nicht, dass Stani den Tod seiner Mutter als Vergleich angesprochen hat, sondern als Beispiel dafür, dass Veränderungen Teil des Lebens sind. Man kann da bestimmt ähnliche Emotionen spüren. Vielleicht nicht in der gleichen Intensität. Aber es ging ihm darum, klar zu machen, dass auch das ein Abschied ist und Abschiede eben sehr schwer fallen. Dass er Leute verliert, mit denen er viele Jahre einen Weg gegangen ist. Und dass es eine sehr intensive Zeit war.

ZEIT ONLINE: Was war der emotionalste Moment dieser Bundesliga-Saison?