Im Finale des englischen Pokals zwischen dem FC Chelsea und dem FC Portsmouth am 15. Mai vor einem Jahr trat Kevin-Prince Boateng den Kapitän der deutschen Nationalmannschaft um . Er wurde zum "Staatsfeind Nummer 1", wie die Bild-Zeitung feststellte, weil Michael Ballack wegen Boateng seine wohl letzte Weltmeisterschaft verpasste. Der Berliner dagegen, Sohn eines ghanaischen Einwanderers, spielte in Südafrika ein sehenswertes Turnier im Nationaltrikot Ghanas. Während es mit Ballack bergab ging, machte Boateng Karriere. Gerade hat er seinen ersten großen Titel gewonnen, die italienische Meisterschaft mit dem AC Mailand.

Vom Buhmann der Nation hat sich Boateng zum Stammspieler bei einem der erfolgreichsten Klubs der Welt gewandelt. Das "Ghetto-Kid" aus dem Wedding hat sich zu einem besonnenen Profi-Fußballer gemausert, der nicht mehr für Schlagzeilen außerhalb des Platzes sorgt, sondern Liebling der Fans im Giuseppe-Meazza-Stadion ist. "Boa" nennen die Tifosi ihn liebevoll und feiern ihn in Sprechgesängen. Sein Trikot mit der Aufschrift "Prince" ist eines der meistverkauften in Mailand. "Den Fans gefällt es, dass ich immer das Maximum gebe. Sie sehen in mir jemanden, der sich von der Straße hochgearbeitet hat", sagte er jüngst in einem Interview mit dem Corriere dello Sport .

Sein Image als harter Junge hat Boateng mit nach Italien genommen. Vor Saisonbeginn bildete die Gazzetta dello Sport Boateng mit Helm und Vorschlaghammer ab. Er wollte der Kraftprotz sein, der harte Kerl. Eine Rolle, die bei Milan Gennaro Gattuso vorbehalten war. Nun beginnt sich die öffentliche Wahrnehmung zu wandeln. Beim jüngsten Interview montierte die Gazzetta eine Schlange in den Hintergrund, eine Anspielung auf Boatengs Spitznamen "Boa". Der 24-Jährige ist jetzt nicht mehr nur der Mittelfeldarbeiter. Neben Aggressivität und Gefährlichkeit steht Boateng nun auch für Klugheit, zumindest auf dem Platz, und Eleganz. Boateng ist in dieser Saison zum Stammspieler gereift, ist aus der Mailänder Staransammlung nicht mehr wegzudenken.

Das öffentliche Bild des geläuterten Spielers wird ganz bewusst gesteuert: In Deutschland dosiert sein Manager Roger Wittmann Interviews im Tröpfchen-Modus. In Italien hingegen entwickelt sich die Marke Boateng prächtig, hier darf der Spieler häufiger zu Wort kommen. "Meine Popularität ist bei Milan stark angestiegen", weiß Boateng.

Das hat vor allem mit seinen guten Leistungen zu tun. Trainer Massimo Allegri setzte den Mittelfeldspieler zuletzt direkt hinter den Stürmern ein, wo er sich durch Ausdauer, Geschwindigkeit und Technik hervortat. In 25 Einsätzen erzielte er drei Tore, vor allem taktisch hat Boateng in Italien dazugelernt. "Allegri hat mir die Balance zwischen Angriff und Abwehr beigebracht", sagt der Berliner, der von seinem Trainer vor allem deshalb eingesetzt wird, weil er als Angriffsspieler auch zur defensiven Stabilisierung der Mannschaft beiträgt. Auf seiner Position hinter den undisziplinierten Wunderstürmern ist Boateng beim AC Mailand zu einem Schlüsselspieler und Garanten für den ersten Meistertitel nach sieben Jahren geworden.